Die Sicherheit der Stärkeren

Wer Sicherheit privatisiert, riskiert ein Wettrüsten bei dem alle verlieren. Ein Beitrag für mo-Magazin für Menschenrechte von SOS Mitmensch.

LPD NOE Unfall Radanhänger Hausleiten
Am 4. August 2019 wurde dieser Radanhänger von einem Auto von hinten erfasst. Zwei Kinder starben. Bild: LPD NÖ

Als der Wiener Polizeipräsident Gerhard Pürstl vor ein paar Jahren warnte, Frauen sollten des Nächtens generell nicht alleine auf Wiens Straßen unterwegs sein, löste er eine Welle der Empörung aus. Warum sollten ausgerechnet die Leidtragenden männlicher Übergriffe Einbußen ihrer Lebensqualität in Kauf nehmen? Warum empfahl er nicht den übergriffigen Männern, abends zu Hause zu bleiben?

Privatisierung von Sicherheit

Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie die Privatisierung von Sicherheit zur Opferumkehr und zur Gefahr für die Allgemeinheit werden kann. Auch im Strassenverkehr erleben wir derzeit eine ähnliche Entwicklung. Und wir sollten wachsam sein, denn es geht um mehr, als nur die Sicherheit auf der Straße.

PKWs werden immer größer, jeder dritte Neuwagen ist bereits ein SUV. Die Werbeclips dieser mobilen Trutzburgen versprechen unbeschadetes Durchpflügen von Geröllhalden und akustische Abgeschiedenheit im städtischen Durcheinander. Man hat freie Bahn auf Landstraßen, die in die Abendsonne münden.

Ein Werbeclip des Autoherstellers Audi für ein Straßenfahrzeug aus dem Jahr 2019.

Diese Bilder zeichnen das genaue Gegenteil von jenen, die man vielleicht von öffentlichen Verkehrsmitteln im Kopf hat. Dort ist es eng, laut und man muss sich an anderen vorbei zwängen. Ohne zumindest non-verbale Verständigung ist der Zusammenstoß mit anderen Menschen unausweichlich.

Die Werbebilder mögen die Sehnsucht nach Autonomie adressieren. Endlich geht was weiter ohne ständige Umsicht und Erklärungen. Begründet wird die Anschaffung des SUV dann aber, durchaus nachvollziehbar, mit der Sicherheit der eigenen Kinder. Wer bei Unfällen die größere Masse lenkt, hat den kleineren Schaden. Nur, wer nicht mitrüstet, verliert.

SUVs erklären die Städte zur Wildnis

Auch das Ortsbild verändert sich. SUVs sind nicht nur für die Fahrt in der Wildnis gebaut, sie verwandeln auch die Innenstädte in eine solche  – sie markieren den Lebensraum von Menschen optisch als Gefahrenzone. Von Blechflächen bedrängte Minifenster spiegeln das Befinden kapitalistischer Vereinzelung wieder: der Begegnungsmodus ist der Aufprall, nicht die Vermittlung.

Das birgt einen demokratiepolitischen Aspekt. Die mobilen Bollwerke sind zugleich Ausdruck und Triebkraft eines schwindenden öffentlichen Raumes, in dem wir uns als Gleiche begegnen. Die Parallelwelt der Schnellen schmälert die Lebenschancen der Langsamen auch durch ihr Gewicht in der politischen Diskussion:

Schwindende Begegnung als Gleiche

Nach einem tödlichen Unfall mit Radanhänger in Niederösterreich kippte die Stimmung gegen die Mutter der getöteten Kinder. Der Kolumnist Hans Rauscher unterstellte Nutzer*innen von Radanhängern kriminelle Fahrlässigkeit. Frei nach dem Psychoanalytiker Zvi Rex: Die AutofahrerInnen werden den Radfahrern*innen die Unfalltoten nie verzeihen.

Gated Communities in südamerikanischen Metropolen erinnern an die Folgen ungezügelter Ungleichheit in schwachen Staaten. Und wie schwer es ist, sozialen Zusammenhalt wieder zu etablieren, wenn er einmal verloren ging. Am Verkehr kann man einiges über den Zustand eines Landes ablesen. Überlassen wir Sicherheit nicht den Stärkeren.

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