Vietnam nervt

Regen, Schmutz, Lärm. Wie konnte ich nur jemals auf die Idee kommen, nach Hanoi zu reisen? Über die Umstellung von Gewohnheiten beim Reisen.

Fischer am Tay Ho- Lake in Hanoi. Bild: Philipp Sonderegger
Ein Fischer am vernebelten Tay Ho-See inmitten von Hanoi. Bild: phs

Jetzt regnet’s schon wieder. Drei Wochen sind wir nun in Hanoi und die Sonne schien genau einen Tag lang. Nicht, dass es jeden Tag regnen würde, aber die Wolken sind immer dicht geschlossen und verbinden sich mit der feuchten Luft zu einem Nebel, der sich wie eine nasse Decke über die Stadt legt. Wenigstens haben wir jetzt keine 12 Grad mehr, wie in der ersten Woche.

Wenn es denn regnet, so reicht es kaum, um den Schmutz aus den Straßen zu waschen. Das Nass vermengt sich mit dem Staub und Essensresten aus den Garküchen zu einem schmierigen Schlick, der in alle Ritzen kriecht – in Geschäfte, Restaurants und Wohnungen getragen wird.

Es ist laut. Kleidung wird beim waschen nicht sauber – kaum Druck in der Wasserleitung – und beim trocknen nicht trocken. Das Internet geht nie richtig, alles pickt und ist dreckig. Auch beim essen. Tische werden nur „trocken“ abgewischt, ich will lieber nicht sehen, wies in den Küchen aussieht.

Gewohnheiten ändern

Ich widme mich heute einem Phänomen, das wahrscheinlich alle kennen, die sich länger an einem neuen Ort aufhalten. Die Eingewöhnung. Berauschende erste Wochen, in denen alles aufregend und interessant ist, sind nun vorbei.

Man hat sich aber noch nicht auf die neue Umgebung eingestellt und auch den Alltag noch nicht ausreichend organisiert. Deshalb findet man jetzt alles nur daneben. Bis man seine bisherigen Gewohnheiten geändert hat.

Vieles von dem, was einem das frühere Leben angenehm machte, fehlt einem und Dinge, die man erledigen muss, gehen hier viel schwieriger von der Hand. Auswanderer’innen-Blogs sind voll von Beschreibungen, wie anfängliche Begeisterung in reine Ablehnung umschlägt und Neulinge sich erst allmählich einleben und zu einer differenzierten Sicht aufs neue Land finden.

Das betrifft vor allem praktische Fragen; eingeschränkte Mobilität, Ernährungs-Umstellung, schlechtere Wohnverhältnisse, unergiebiger Schlaf, mangelnde Sprachkenntnisse oder eine neue, ungeliebte Rolle am neuen Arbeitsplatz.

Es sind aber auch die kleinen Dinge des Lebens, die in Frage gestellt sind, liebgewonnene Gewohnheiten; für mich zum Beispiel eine vernünftige Auswahl an Zeitungen aus Papier und ein richtiges Brot aus dunklem Getreide.

Wenn man in einem strengen Arbeitsrhythmus steckt, wird die Anpassung an neue Gegebenheiten durch das neue Zeitkorsett stabilisiert, aber auch leichter zugedeckt. Hat man jedoch Zeit, sich mit dieser Umgewöhnung zu befassen, so kann man sich selbst nochmals ganz neu kennen lernen.

Was ist eigentlich wichtig?

Ich verfüge über Zeit, Geld, Privilegien und ein Rückflugticket, weshalb ich diesen Umstellungs-Zwang als willkommene Gelegenheit der „Persönlichkeitsentwicklung“ sehen kann. Ich kann mich systematisch damit befassen, welche Dinge mir wichtig sind, und was ich unbedingt brauche, damit es mir gut geht.

Nachdem ich zehn Jahre in einem Hamsterrad gearbeitet habe, empfinde ich es als echten Luxus, über meine Gewohnheiten nachzudenken.

Aber auch wenn man es nicht so grundlegend angehen mag, es erleichtert die Umstellung, wenn man sich vergegenwärtigt, was einem am neuen Ort abgeht und was einem das Leben erschwert. Die Anpassungleistung verliert so an Gewicht und wird zu einem Projekt wie jedes andere; mit Problemstellungen, Lösungen und notwendigen Maßnahmen.

Der Problem-Liste kann man eine zweite Goodie-Liste mit Dingen gegenüberstellen, die einem im neuen Land gut tun. Zum Beispiel eine Thai-Massage, gut Essen gehen oder am Platz vorne einen ca phe sua trinken. Und wenn einem wieder einmal alles auf die Nerven geht, weiß man was zu tun ist. Bis später!

4 Gedanken zu „Vietnam nervt“

  1. bin gerade in vietnam und was eigentlich nur nervt sind diese extrem aggressiven verkaeufer hier im und um den tourismus herum. in thailand war ich ja schon vorsichtig, aber hier kann man ja am ende gar keinem mehr trauen, weshalb mir ein maedel im hotel hier neulich leid tat, denn mir war das laecheln echt vergangen und sie meinte es eigentlich nur gut.

    da muss wirklich mal eine tourismusbehoerde einschreiten. man kommt um land und leute zu sehen und alle sprechen einen recht aggressiv an. MISTER! LOOK MY SHOP. MISTER! BUY SOMETHING!

    ich kann die schwierige lage vor allem der frauen hier absolut verstehen aber irgendwann bin auch ich mit meiner geduld am ende…

  2. Immer wieder äußerst interessant deine Vietname Blog Beiträge zu lesen. Und bei jedem denke ich daran, dass ich eines Tages selber ein Blog haben will 🙂

    enjoy your gewohnheiten reflexions

  3. Zu Mittag trifft man sich tatsächlich im com bụi (com = Reis, bụi = Staub), so nennen sich die Garküchen. Schmeckt trotz befremdlichem Namen hervorragend, auch bei Regen!

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