Ein undichter Schlauch

Ich kopiere hier die etwas erzählerischer gehaltene Geschichte vom undichten Schlauch ein. Sie handelt von der Statusverschiebung einfacher Dinge und wie einem diese gänzlich einnehmen können – wenn man es zulässt. Ein Auszug vom Schriftverkehr mit (Brief-) Freund Ed.

"Fashion Bike", vietnamesische Produktion. Bild: phs
Mein Fahrrad der Marke "Fashion Bike" aus vietnamesischer Produktion. Bild: phs

Mein tatsächliches Leben wird indessen immer einfacher. Derzeit interessiere ich mich in der Hauptsache für Friseure und Fahrradpumpen. Ich sitze irgendwo, lese, trinke, esse und schaue. Oder ich fahre ziellos mit dem Rad herum, dem Fortbewegungsmittel von Alten, Armen und Europäern.

Der Hinterreifen hat ein undichtes Ventil, ich halte also täglich bei einem der zahllosen Moped-Monteure an, um Luft zu erbitten. Nicht selten werde ich mit einer abfälligen Handbewegung fortgeschickt, was ich mit gesenktem Haupt und geknickter Stimmung tue. Haben denn diese Leute selbst kein undichtes Ventil? Einer lässt mich immer pumpen, dem brachte ich heute zum Dank eine Melone, er hat gelacht.

Mein erstes Friseurerlebnis geht so: Die Haare seitlich sind schon lang. Viele Nord-Vietnamesen gönnen Europäern einen Bonus, aber geringschätzen achtloses Äußeres. Liegt’s vielleicht am Haar, frage ich mich in sauberes Gewand gehüllt? Wiedermal hat ein Moped-Monteur meinen leeren Fahrradschlauch mit Luft zu befüllen verweigert. Ich schreite zur Tat.

Auf einem kleinen Schemel neben einem Freiluft-Frisör nehme ich Platz, die Abfertigung der Kunden vor mir abzuwarten. An uns donnern die Langstrecken-Busse vorbei. Hier in Hanoi stellt auch ein Frisierenden dar, was aus einem Sessel am Gehsteig, einer Schere und einer Plane gegen den Regen besteht. Der Haarschneider lächelt mich an, die um mich Sitzenden zeigen Sympathie für den Gast.

Es vergehen lange Minuten, bis mir klar wird, dass in diesem Unternehmen nicht über den gewünschten Schnitt gesprochen wird. Ich kriege kalte Füße und imitiere einen Telefonanruf, der mich zum Verlassen des Ortes veranlasst. Alle lächeln gequält. Morgen kaufe ich mir eine Fahrradpumpe. […]

Edit (1. April 2011): Finally, i did it.

Frisör auf der Quan Su - Street, Hanoi. Bild:phs
Frisör auf der Quan Su – Street, Hanoi. Bild:phs

Dieser Herr hat mir gestern die Haare geschnitten und den Bart rasiert. Der Rasier-Pinsel fiel während der Rasur zu Boden, doch der Frisör hat ihn sogleich wieder sauber geschüttelt. Gebraucht hätten wir ihn eh nicht: Einschäumen ist nicht, fünf Tupfer Creme aus der Tube (mit Whitening-Effekt) genügen und los geht die Schaberei. Ich hab mir dann ein günstiges Eau de Collogne angeschafft, die erwartete Entzündung blieb aus. Kosten: Haarschnitt und Rasur 2 Euro, EDC 50 Cent.

Werkzeug, Frisierladen auf der Quan Su - Street, Hanoi. Bild:phs
Werkzeug, Frisierladen auf der Quan Su – Street, Hanoi. Bild:phs

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die Haare sind jetzt seitlich wieder kürzer.

Neue Frisur
Neue Frisur

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