Im eigenen Saft

POLIZEIKOLUMNE. Die Polizei will sich Menschenrechte künftig selbst beibringen. Aber wer Menschenrechte schützen will, braucht Ambiguitätskompetenz. Der Verzicht auf externe Trainer:innen in der Offiziersausbildung schwächt diese Fähigkeit auf allen Ebenen.

Werden eingespart: Externe Trainer:innen. Die Polizei will sich Menschenrechte künftig selbst beibringen.
Werden eingespart: Externe Trainer:innen (Symbolbild). Die Polizei will sich Menschenrechte künftig selbst beibringen. Bild: Freepix/marymarkevich

Die österreichische Polizei braucht sich im europäischen Vergleich nicht zu verstecken. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie sich selbst als Menschenrechtsschutzorganisation versteht – eine Idee, die hartnäckige Menschenrechtler:innen der Polizei Anfang der 2000er-Jahre schmackhaft machen konnten. Heute zeigt dieses Selbstverständnis Wirkung: Neben der Grätzel-Polizei und einer eigenen Einheit gegen Polizeigewalt wird der Wandel vor allem in der Ausbildung sichtbar – sie wurde in den vergangenen Jahren grundlegend neu ausgerichtet.

Rotstift bei externen Trainer:innen

Ausgerechnet bei diesen Schulungen wird jetzt der Rotstift angesetzt. Besonders schmerzhaft: die Menschenrechtsschulung von Offizier:innen soll künftig ohne externe Trainer:innen auskommen. Doch Menschenrechtsbildung ist kein technischer Lehrinhalt wie Waffenrecht oder Einsatztaktik. Sie lebt vom Dialog, von Reflexion – und davon, die eigene Praxis immer wieder zu hinterfragen. Externe Expert:innen bringen nicht nur Fachwissen, sondern auch andere Lebensrealitäten in den Seminarraum. Ihre Perspektiven stoßen Reflexion an, fördern Ambiguitätstoleranz und stellen eingefahrene Denkmuster infrage. Nun droht das Garen im eigenen Saft – ohne Reibung, ohne Perspektivenwechsel, ohne Wirkung.

Offizier:innen prägen ihre Kohorte

Wer heute bei der Offizier:innenausbildung spart, zahlt morgen doppelt. Denn bald stehen die Offizier:innen als Führungskräfte im Dienst. Sie leiten Einsätze und prägen als Vorbilder junge Polizist:innen. Ihre Ausbildung formt die mentale Ausrichtung einer ganzen Kohorte – und die ist groß: Die Pensionierungswelle der Babyboomer erfordert viele Neueinstellungen. Übermorgen steigen diese Offizier:innen in höhere Leitungsfunktionen auf. Dann treffen sie strategische Entscheidungen zur künftigen Ausrichtung der Polizei.

Wer Menschenrechte schützen will, braucht Ambiguitätskompetenz. Im Streifendienst beim Kontakt mit der Bevölkerung, in der Führung der Truppe oder bei strategischen Entscheidungen an der Spitze. Der Verzicht auf externe Trainer:innen in der Offiziersausbildung schwächt diese Kompetenz auf allen Ebenen.

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