Die Ermordung der Carmen

Erstaunlich, wie gedankenlos man Gewalt an Frauen heute noch inszenieren kann. Zu Gast bei den Bregenzer Festspielen.

Carmen Seebühne Festspiele Bregenz 2018
Die Kulisse von Carmen. Seebühne der Bregenzer Festspiele. Bild: phs

Es spielt Carmen. Die Kritiken sind positiv bis euphorisch. Vorgestern sah ich das erste Mal ein Stück auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele. Die Atmosphäre am See, die Bühne und das audiovisuelle Erlebnis hielten was versprochen war.

Umso verblüffender, dass ein überregionales Festival sexualisierte Gewalt an Frauen nach #metoo noch so gedankenlos inszenieren kann. Gerade bei einem Plot, der um die Attraktion des Exotischen und um die Verfügungsgewalt über das Begehrte kreist, wäre eine unmissverständliche dramaturgische Sprache hilfreich, um nicht die Geschlechterverhältnisse des 19. Jahrhunderts zu zelebrieren. Eine Dramaturgie, die viel Spektakel aber wenig Position bietet, droht übers Voyeuristische ins Affirmative zu rutschen.

Schon die erste Szene irritiert. Das Mädchen Carmen wird von Buben bedrängt. Einer entreisst ihr das Spielzeug. Die Göre überrumpelt ihn mit einem Kuss und erlangt es wieder. Schon früh müssen die Töchter der Fahrenden [1] die Waffen der Frau beherrschen. Bis zu den Oberschenkeln lässt die Regie das Mädchen jedes mal ihr rotes Kleid hochziehen, wenn sie sich auf den Boden setzt.

Rutsch ins Voyeuristische…

In der zweiten Szene umringen die herumlungernden Soldaten das Bauernmädchen Micaëla, versperren ihr den Weg und begrapschen sie. Micaëla entkommt. Doch anstatt mit einer deutlichen Distanzierung verabschiedet sie sich mit einem höflichen: “Au revoir, messieurs les soldats!”

Nun könnte man den Auftritt als Realismus durchgehen lassen, den das aufgeklärte Publikum auch ohne dramaturgischen Hinweis als Übergriff erkennt. Wenn nicht gleich darauf die Zigarettenmädchen mit lasziven Posen und aufgesprungenen Blusen genau um jenen “kritischen” Blick buhlen würden, der nun von den Zuschauerrängen mit Operngläsern die weit fürs Publikum geöffneten Beine der Tänzerinnen sucht.

… und Affirmative

Carmen galt 1875 als fortschrittliche Oper, die das Leben einfacher Leute und nicht mehr das Höfische zeigt. Die dramaturgische Spannung entsteht durch Don Josés Ringen mit Carmens Respekt vor den eigenen Gefühlen – ein Ringen mit der Anziehung und ein Ringen mit der Zurückweisung. Die Tötung Carmens durch den verlassenen Don José ist der Schlusspunkt dieses Konflikts und des Stücks.

Als Carmen tot ist, brandet der Schlussapplaus auf. Das abrupte Ende und die wegapplaudierte Ermordung folgen dem Original. Aber man hat es mit der Werktreue auch nicht übertrieben, ein wenig die Kreativität spielen lassen und die Handlung den lokalen Gegebenheiten angepasst. Auf der Seebühne wird Carmen nicht erstochen, sondern ertränkt.

  • In den letzten Jahren wurde in Vorarlberg gegen rumänische Roma-Familien mobil gemacht, die hier betteln.
  • 2017 wurden in Österreich 34 Frauen von Männern ermordet. Die Zahl der Mordversuche liegt noch einmal bei 33.
  • Das Innenministerium zieht sich aus den Fallkonferenzen mit den Interventionsstellen gegen Gewalt zurück.
  • Währenddessen streicht die Regierung die Gelder für Gewaltprävention und Frauenberatung zusammen.
  • Am 1. Oktober 2018 startet das Frauenvolksbegehren.
  • Weiterlesen: Liebes Patriarchat! 

 

Fussnoten
  1. Die abwertende Bezeichnung “Zigeunerin” bleibt der deutschen Übersetzung vorbehalten, während Boheme im französischen Original intellektuelle und kulturelle Subkultur beschreibt. []

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