Wie kriminell sind Asylsuchende tatsächlich?

Weil man bekanntlich keiner Statistik trauen sollte, die man nicht selbst gefälscht hat, lohnt sich die eingehende Beschäftigung mit den Zahlen immer wieder.

So auch mit der Behauptung in einem akutellen Falter-Artikel, auf 30.000 Asylsuchende kämen 10.000 Tatverdächtige. Diese Gegenüberstellung ist falsch, grob irreführend und erinnert an EX-Innenminister Ernst Strasser, der sein Ressort vermelden ließ, 40 Prozent der AsylwerberInnen seien kriminell.

Der Fehler: Die 10.000 Anzeigen wurden ein ganzes Jahr lang aufgenommen, während die 30.000 grundversorgten AsylwerberInnen an einem Stichtag gezählt wurden und das restliche Jahr außen vor lassen. Um den Anteil der 2008 angezeigten Asylsuchenden richtig zu bestimmen, müsste man wissen wie viele Asylsuchende sich 2008 insgesamt im Land aufgehalten haben.

Da es keine solchen veröffentlichten Daten gibt, kann man sich überschlagmäßig mit der Addition der abgeschlossenen (15T) und der am Jahresende offenen Verfahren (30T) behelfen. Da kommt man für 2008 auf die Zahl von rund 45 Tausend.

Kriminell ist, wer verurteilt wird.

Über die tatsächliche Kriminalitätsrate von Asylsuchenden gibt es ohnehin keine Zahlen, weil die gerichtliche Verurteilungsstatistik Flüchtlinge nicht ausweist. Man kann sich hier annähern, indem man den Anteil der insgesamt verurteilten Tatverdächtigen auf die angezeigten Asylwerberdaten der polizeilichen Anzeigenstatistik umlegt. Dieses Verhältnis beträgt eins zu sechs (2008: 240.000 Tatverdächtige auf 40.000 Verurteilte). Alles in allem ergäbe das 5 Prozent kriminelle AsylwerberInnen.

Sinnlose Zahlenspiele

Allerdings sind diese Zahlenspiele nicht gerade genau und nur insofern sinnvoll, als man damit notorische HetzerInnen („Jeder zweite Asylwerber kriminell“) entkräften kann, Ansatzpunkt für nachhaltiges politisches Handeln sind sie kaum. In aller Regel gibt es nämlich drei Risikofaktoren für die Kriminalitätsbelastung: 1) Männliches Geschlecht, 2) Alter zwischen 20 und 35 Jahren und 3) geringe soziale Verankerung. Politisch steuerbar ist davon genau noch eine: Wer Arbeit, Ausbildung, Freundeskreis und eine Perspektive hat, wird seltener kriminell.

14 Gedanken zu „Wie kriminell sind Asylsuchende tatsächlich?“

  1. Wow! Bin gerade über Florian Klenks Artikel hergekommen! Danke Dir!! Wirklich coole Arbeit – jetzt müssen wir die Zahlen nur noch in die Kronenzeitung bringen 😉

  2. ist in die Überlegung mit einbezogen, dass nicht alle straftaten gerichtlich verfolgt werden, bzw. zu einer Anklage führen? (Einstellung wegen geringfügigkeit, diversion,…)
    Es handelt sich dabei um Straftaten, die aus prozessökonomischen Gründen nicht verfolgt werden.

    ich würde daher 1:6 nicht umbedingt als maßstab nehmen, auch wenn natürlich dann schwerer zu sagen ist, wieviele Straftaten wirklich begangen werden.

    Danke aber für den Bericht. Dem omnipräsenten Vorurteil „Ausländer san olle kriminell“ kann nicht oft genug was entgegen gehalten werden…

  3. Lieber Roman!

    Die Tatverdächtigen sagen nichts über die Deliktszahl an. Wenn jemand in zwei Häuser einbricht, ist er trotzdem nur ein Tatverdächtiger.

    Was die Chance von Asylsuchenden angezeigt zu werden anbelangt, so kann man sicher davon ausgehen, dass allein schon die Raster, nach denen die Exekutive ermittelt dazu führen , dass Asylsuchende häufiger angezeigt werden. Zahlen zur Einschätzung dieses Faktors kenne ich keine.

    Andererseits muß dem entgegen gehalten werden, dass es bei Fremden sicher auch häufiger zur Verurteilung kommt. So gesehen muß man die Umlegung des Schlüssels „Tatverdächtig auf Verurteilte“ mit Vorsicht genießen.

    Beste Grüße,
    Philipp

  4. Danke für den sehr aufschlussreichen Beitrag.

    Die Quote dürfte sich allerdings noch erheblich nach unten verschieben, wenn man berücksichtigt, dass (wie ich zumindest annehme) in der Zahl der Tatverdächtigen eine ganze Menge Mehrfachnennungen von Personen mit mehreren Anzeigen inkludiert sind.

    Und wenn man weiters berücksichtigt, dass die Wahrscheinlichkeit, als Asylwerber voreilig verdächtigt zu werden, um einiges höher liegt als bei inländischen „Normalbügern“ (zweifelt jemand daran?), plumpst die Quote nochmals ein kräftiges Stück nach unten.

  5. … und dann kommt noch die erwiesene Tendenz hinzu, dass Mensch offensichtlich einen „Ausländer“ weitaus bereitwilliger anzeigt als einen „Inländer“ …

  6. super – sehr hilfreich – danke!

    wenn man innenministerialer logik folgen würde, dann könnte man natürlich auch politisch eingreifen und zu risikofaktor 1 und 2 fordern alle männer zwischen 20 und 35 präventiv in haft zu nehmen (oder alle saualmen österreichs zu lagern umzufunktionieren – die gute luft – da wird sich schon niemand aufregen)

    hach – wie sicher österreich dann sein wird! (langweilig, aber sicher)

  7. @Lindinger Ja, habs Klenk und Horaczek geschickt. Aber zur Information und ohne die Aufforderung zu antworten.

    Lg, Philipp

  8. auch von meiner seite merci!

    und wer nimmt sich jetzt der berechnung der kriminalitätsrate der fpö-mitglieder an? da soll ja jede(r) zweite kriminell sein.

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