Wenn die Trotteln wütend werden

Wenn die „Trotteln“ wütend werden, müssen wir vom hohen Ross herunter. Allerdings nicht um jeden Preis. Wie uns der überraschende Zuspruch zu emanzipativer Politik ein bisschen überrumpelt.

Düringers Wutrede
Düringers Wutrede

Eines hat die Wutbürgerrede von Roland Düringer gezeigt. Es gibt einen Wählerstimmenmarkt für ein linkspopulistisches Projekt – in oder außerhalb der bestehenden Parteien. Oder wie der Kabarettist selbst es ausdrückt: „Offenbar gehen irrsinnig viele Menschen in Resonanz“ mit der dargebrachten Wut.

Ein paar zugkräftige Köpfe wie Düringer würden es mit Hilfe eines professionellen Stabes leicht ins Parlament schaffen – wenn sie die Stimmung träfen, die auch die Wutbürgerrede zum klingen gebracht hat: zwei, drei Zugpferde, denen die glaubwürdige Aufführung der Wutbürger-Rolle in den TV-Diskussionen gelingt, sie würden jede „Wahlsendung“ sprengen und die von rechten Parteien getaktete Medienöffentlichkeit gleich dazu.

Aus dem Herzen gesprochen

Vielen hat die Rede aus dem Herzen gesprochen; endlich steht da einer von Bedeutung in einem Medium von Bedeutung und bringt die Sache auf den Punkt. Hundertfach wurde sie im Internet geteilt und akklamiert. Allerdings: irgendwann war selbst Gutmenschen wie mir etwas befremdlich, wie frenetisch Düringer mancherorts rezipiert wurde.

Wo Licht scheint, fällt auch Schatten: Robert Misik mokiert sich über die Plattheit des Düringer’schen Befunds. Der nicht minder geschätzte Niko Alm kam nicht umhin, in einer Frühschicht die inhaltlichen Widersprüche der Rede herauszuarbeiten. Alm schlussfolgert richtig, politisches Engagement sei nötiger den je – doch das Gesagte beim Wort zu nehmen war vergebene Liebesmüh.

Stimmungspolitik

Die Wirkung der Wutbürger-Rede erschließt sich über den emotionalen Gehalt. Das erklärt die heftigen Reaktionen und das Unverständnis für die Haltung des jeweiligen Gegenübers.

Aus meiner Sicht ist die Wutbürgerrede eine kleine Sensation. Seit Jahren sind progressive Zirkel vom Bedauern eingenommen, dass die eigenen Anliegen nicht mehr mehrheitsfähig sind. Mit Finanzkrise, Empört euch!, Wutbürger/innen und Occupy-Bewegung erreichen unsere Positionen nun eine völlig neue Breite. Und ein Mainstream-Kabarettist zeigt im vorbeigehen, wie eine Brücke zwischen progressiven Anliegen und breiteren Wählergruppen aussehen könnte.

Das tut irgendwie auch weh. Allzu plötzlich wird klar, dass eine solche Brücke sowohl intellektuelle als auch identitäre Abstriche erfordert. Ein solches Projekt können wir weder als redlich noch als cool empfinden. Zuviel Blödsinn wird da zwangsläufig an die Oberfläche gespült. Im Kern ist Düringers Anliegen emanzipatorisch – doch wieviele seiner Sätze könnten wir tatsächlich unterschreiben? Occupy-Österreich verspricht radikale Systemkritik – aber müssen die Verschwörungstheorien sein?

Allerdings fürchte ich: Wenn die Massen wütend werden, müssen wir vom hohen Ross herunter. Oder weiterhin allein in Reinheit traben – und die „Trotteln“ der FPÖ überlassen. (Nebenenbei: Ich finde außerparlamentarische Ansäzte auch sympathischer, aber wer die repräsentative Demokratie nicht grundsätzlich ablehnt, kommt an Parteien nicht vorbei. Und in der gegebenen Konstellation scheint mir eine Verschiebung der Kräfte nur von linkspopulistischer Position realistisch.)

Grenzen der Boulevardisierung

Zwei Einschränkungen sind allerdings wichtig: 1) Die Kannibalisierung progressiver Kräfte sollte bei parlamentarischen Ansätzen verhindert werden. Strukturell gesehen hat der auch von Grünen betriebene Rausflug der Liberalen aus dem Nationalrat einen Rechtsruck bewirkt. Einige Wählerstimmen, die damals in gesellschaftspolitischen Fragen progressiv repräsentiert wurden, werden heute von Rechten vertreten. Folglich: Liberale müssten sich nicht unbedingt mit so einem linkspopulistischen Projekt identifizieren, allerdings sollten die Reibungsflächen minimiert werden.

2) Und die zweite ist unabdingbar: Es muss einen antirassistischen Grundkonsens geben. In der österreichischen Occupy-Bewegung hat eine ideologische Strömung Fuß gefasst, die sich nicht ausreichend von antisemitischen Ideen abgrenzt und auch sonst allerlei totalitäre Vorstellungen propagiert. Wie eigene Recherchen belegen, marschierten bei der Kundgebung am 15. Oktober auch mehrere Rechtsradikale mit, die ansonsten beim neonazistischen Gedenken an Walter Nowotny oder beim „Totengedenken“ am 8. Mai anzutreffen sind. Ein anderer Demonstrant trug ein gelbes Schild mit der Aufschrift „Goldmann sucks“.

Eine systematische Aufarbeitung dieser Entwicklung steht aus und ein antirassisitischer Konsens müsste am Beginn eines jeden linkspopulistischen Projekts stehen. Antisemitismus, Antiislamismus, kultureller Patriotismus oder ähnliche Formen von partikulärer Interessenvertretung lassen sich nicht nur theoretisch schwer mit universalistischen Anliegen vereinen – diese Kombination ist auch in der Praxis zum Scheitern verurteilt. Gleiche Rechte – aber nur für unsere Leut – mit diesem Widerspruch zerreibt sich die SPÖ schon seit Jahren zwischen progressivem Flügel und potentiellen FPÖ-Wähler/innen. Für ein solches Scheitern braucht es kein neues Projekt.

 

Ein PS: Weil vielleicht auch ein paar liberale Freund/innen mitlesen, die da drüber stolpern. Partikularinteresse ist nicht gleich Partikularinteresse. Wenn Bevölkerungsgruppen systematisch diskriminiert werden, dann ist positive Diskriminierung temporär angebracht. Beides mag gleich aussehen, ist es aber nicht: die Privilegierung erfolgt wegen der Diskrimnierung, nicht wegen des Merkmals aufgrund dessen diskrimniert wird. Daraus folgt umgekehrt: Es macht einen graduellen Unterschied, ob ich gegen „Ausländer“ pauschalisiere oder gegen „Reiche“. Er ist bestimmt durch die gesellschaftliche Position und damit verbundene Macht, sich zur Wehr zu setzen. Bei der positiven Diskriminierung lässt sich individuelle Diskriminierung (armer Mann muss länger arbeiten als reiche Frau) nicht umgehen  – sie ist allerdings so lange gerechtfertigt, als sie geringer bleibt, wie beim freien Spiel der Kräfte.

Externe Beiträge zur Wutbürger-Rede:

  • Markus Otti: Wutdüringer – Fluch oder Segen?
  • Klemens Wieringer: Wutbürgerismus
  • Markus Leitner: Die neue Wutbürgerlichkeit: Ein wirksames Gegenmodell zum Rechtspopulismus? Empfehlung!
  • Markus Oswald: Jetzt werd ich langsam wütend…
  • Stefan Mackovik: Mut zur Wut
  • 6 Gedanken zu „Wenn die Trotteln wütend werden“

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