Vietnam-Leseliste: 11 Bücher zum einlesen

Ein Vietnam-Besuch steht kurz bevor? Die Reise liegt schon in der Vergangenheit, doch die Begeisterung lodert noch? Oder du suchst Tips für eine literarische Reise. Hier sind 10 Bücher für den Leseeinstieg in das mitreißende Land.

Die Vietnam-Leseliste: 11 Bücher zum Einlesen
Eine Frau transportiert ein Behältnis am Fahrradtaxi. Chau Doc im Mekong Delta, 2013. Bild: phs

1. Vietnam: Rising Dragon von Bill Hayton

Vietnam: Rising Dragon, Bill Hayton
Vietnam: Rising Dragon, Bill Hayton

Gesellschaft. Bill Hayton war BBC-Korrespondent in Hanoi. 2011 veröffentlichte er diesen noch immer aktuellen Blick auf Vietnam. Mit analytischem Scharfsinn, der Faktendichte eines Reporters und klarem Verständnis für historische und kulturelle Zusammenhänge – so beschreibt Hayton vietnamesische Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Für mich das Buch zu Vietnam. Die magazinigen Abhandlungen ergeben ein Gesamtbild des rapiden Wandels eines konfuzianistisch und buddhistisch geprägten Landes, das sich seit 1986 vom patriotischen Befreiungssozialismus zum gelenkten Einparteienkapitalismus gewandelt hat. Kein anderes Sachbuch vermittelt fundiertere Analysen. Der gefragte Vietnamkenner Hayton wurde nach Drucklegung mit einem Einreiseverbot belegt. In englischer Sprache. Prädikat: #WennSieNurEinSachbuchLesenWollen

2. Perfect Spy: The Incredible Double Life of Pham Xuan An, Time Magazine Reporter and Vietnamese Communist Agent von Larry Hermann

Perfect Spy, Larry Hermann
Perfect Spy, Larry Hermann

Biographie. Während des „amerikanischen Krieges“ machte sich der Timereporter Pham Xuan An jeden zum Freund, der in Saigon Rang und Namen hatte. Keiner seiner Gesprächspartner – aus CIA, amerikanischer Botschaft oder südvietnamesischer Regierung – ahnte, dass An für die Kommunisten spionierte. In Eiersnacks schmuggelte er mit unsichtbarer Tinte geschriebene Botschaften in den Norden. Die präzisen Berichte veranlassten den legendären General Vo Nguyen Giap zur scherzhaften Bemerkung: „Wir sitzen jetzt im War Room der Amerikaner“ (Klappentext). Nebenbei gelingt dem US-Historiker Larry Hermann mit dieser spannenden Agentenbiographie eine vielschichtige Mentalitätsgeschichte von Nord und Süd. Prädikat: #WennSieNurEinRomanLesenWollen

3. The Penguin History of Modern Vietnam  von Christopher Goscha

The Penguin History of Modern Vietnam von Christopher Goscha
The Penguin History of Modern Vietnam von Christopher Goscha.

Geschichte. In Vietnam wird gerne auf die lange Geschichte des Landes verwiesen. Ein Staat, der alle heutigen Landesteile umfasst, wurde aber erst von den Franzosen nachhaltig etabliert. Die vielbeschworene nationale Einheit ist nur einer von mehreren Mythen der vietnamesischen Nationalgeschichte, den Christopher Goscha fein säuberlich seziert. Die Moderne leiteten die Vietnamesen schon lange vor dem Eintreffen der Europäer ein, damit widerlegt Goscha das wichtigste Argument der Franzosen für die Kolonisierung auch inhaltlich. Laut Guardian, „quite simply the finest, most readable single-volume history of Vietnam in English“.

4. Vietnam, Mon Amour von Ernst Frey

Vietnam, mon Amour, Ernst Frey
Vietnam, mon Amour, Ernst Frey

Österreich. Diese Autobiographie ist kein Buch über Vietnam, sondern eine „unorthodoxe Durchquerung der Weltgeschichte“, wie die NZZ schreibt. Der Wiener Jude Ernst Frey flieht vor den Nazis aus Wien. Als französischer Fremdenlegionär will er gegen Hitler kämpfen. Doch es verschlägt ihn nach Vietnam, wo er zunächst in der französischen Armee eine kommunistische Zelle gründet. Nach der Niederlage der Franzosen gegen die Japaner bildet Frey Soldaten für Ho Chi Minhs Befreiungsarmee aus. Bei einer Schlacht schlägt er die Franzosen zurück und steigt zum Oberst auf. Fortan ist „Nguyen Dan“ für die Sicherheit der Oppositionsregierung zuständig. Doch der Wiener entfremdet sich. Immer häufiger kritisiert er den Führungszirkel um seinen ehemaligen Mentor Truong Chin. Endlich genehmigt ihm die Partei die Rückkehr nach Europa. Die unglaubliche Heldengeschichte des Ernst Frey wirft ein Schlaglicht auf die tiefe Verschränkung zwischen vietnamesischer und europäischer Geschichte. Für das deutschsprachige Publikum liegt mit Ernst Freys Lebensgeschichte eine Aufarbeitung von österreichischen Bezügen vor.

5. Der Stille Amerikaner von Graham Greene

Der stille Amerikaner von Grahame Greene
Der stille Amerikaner von Grahame Greene.

Klassiker. Der Roman des Briten Graham Greene erschien 1955 und spielt in Saigon. Ein alternder britischer Zeitungskorrespondent namens Fowler ist in der Krise. Mit dem ambitionierten CIA-Mann Pyle konkurriert er um die Gunst seiner geliebten Phuong. Die drei Protagonisten stehen für das politische Setting gegen Ende der französischen Besatzung. Eine „Parabel über den Zerfall kolonialen Hochmuts und die fatale Einmischung der USA“ (Spiegel). Ein einflussreiches Buch, das nicht zuletzt durch zwei Verfilmungen das Vietnambild im Westen maßgeblich mit geprägt hat.

6. Geschichte des Vietnamkriegs von Mark Frey

Geschichte des Vietnamkrieges, Marc Frey
Geschichte des Vietnamkrieges, Marc Frey

Vietnamkrieg. Im März 1979 beendete China einen dreiwöchigen Feldzug gegen seinen südlichen Nachbarn. Seither brüsten sich die Vietnamesen nach den Mongolen, den Franzosen, den Japanern und den Amerikanern auch die Chinesen besiegt zu haben. Ein ungeschlagenes Volk. Das übersteigerte Selbstbewusstsein rührt nicht von irgendwo. Nach rund acht Jahrhunderten der Selbständigkeit rang Vietnam ab Mitte des 19. Jahrhunderts um seine Unabhängigkeit. Die militärischen Konflikte mit den französischen, japanischen und amerikanischen Besatzern dauerten nahezu ein Jahrhundert. Der Spiegel benennt Marc Freys zeitgeschichtliche Darstellung des „amerikanischen Krieges“ als  Standardwerk. Freys umfassende Darstellung beginnt mit der Vorgeschichte ab 1945 und endet mit dem Waffenstillstand 1973. Er kombiniert eine politikgeschichtliche mit einer außenpolitischen Perspektive und berücksichtigt die Rolle der Friedensbewegung. Im Gegensatz zu anderen Ausführungen basiert diese Betrachtung auf den Fakten aktueller Forschung (Tongkingsvorfall) und liest sich äußerst flüssig.

7. Die Affenbrücke von Francois Julliene

Die Affenbrücke von Francois Jullien
Die Affenbrücke, Francois Jullien

Kulturwissenschaften. Der Philosoph und Ostasienwissenschafter Francois Juliene wurde von der vietnamesischen Führung auf eine Studienreise geladen, um die Regierung beim Umgang mit den zahlreichen nationalen Minderheiten zu beraten. Tatsächlich werden die rund 50 anerkannten Minderheiten in Vietnam sehr umfassend gefördert und geschützt. Insbesondere bei der Vermarktung im Tourismus aber verkommt die Repräsentation der Bevölkerungsgruppen zur Disneyfizierung. Während der wirtschaftliche Aufschwung die Jungen in den Mainstream saugt, entkoppelt sich die gezeigte Kultur von der tatsächlichen Lebensrealität. Jullien nimmt die Affenbrücken, das sind die zunehmend von Betonbrücken verdrängten Bambusrohrstege im Mekongdelta, als Ausgangspunkt für sein Plädoyer. Ein Plädoyer für ein realistisches Bild von Kultur. Kultur als Resource, die von allen genutzt und verwirklicht werden kann. Nur wenn Kultur im Alltagsleben Platz findet, kann sie überdauern, sagt Jullien.

8. Hà Nội, a Metropolis in the Making von Sylvie Fanchette

Ha Noi a Metropolis in the Making
Hà Nội, a Metropolis in the Making, Sylvie Fanchette

Urbanistik. Hanoi ist die schönste Stadt der Welt. Das hat viele Gründe. Zunächst beeindruckt die historische Bausubstanz, die chinesische, französische und realsozialistische Elemente umfasst. Dann ist Hanoi eine Stadt des Wassers. Manch See oder Kanal im Stadtgebiet wurde im Laufe der Jahrhunderte schon trocken gelegt. Doch wenn feuchter Nebel in der Luft klebt, die Regenzeit die Straßen flutet oder eine Marktfrau den Wasserspinat mit ein paar Tropfen Wasser grün zum Leuchten bringt, offenbart die Stadt am roten Fluß ihre nasse Lebensader Wasserkreislauf. Und drittens ist Hanoi eine Metropole mit ländlichem Charakter. Historisch aus rund 100 landwirtschaftlichen Dörfern erwachsen, welche die imperiale Verwaltung in der Kaiserzitadelle mit Lebensmitteln und handwerklichen Gütern versorgten, ist Hanoi auch in Zeiten von Globalisierung und Landflucht luftig verbaut und eng mit dem bäuerlichen Umland verbunden. Diese Verbindung wird etwa in den tausenden Bäuerinnen sichtbar, die allnächtlich Obst und Gemüse auf ihren Fahrrädern in die Stadt schaffen, um die Produkte im Schatten von neu errichten Hochhäusern zu verkaufen. Sylvie Fanchette hat in einem einzigartigen Band die Beiträge von UrbanstInnen, SoziologInnen, ArchitektInnen, ÖkonomInnen, GeographInnen und HistorikerInnen gesammelt, um den Charakter dieser wunderbaren Stadt gespickt mit vielen Karten und Schautafeln darzustellen und die stadtplanerischen Chancen und Herausforderungen zu beschreiben.

9. Dumb Luck von Vu Trong Phung

Dumb Luck, Vu Trong Phung
Dumb Luck, Vu Trong Phung

Novelle. Wer die Nachmittagsserien des vietnamesischen Fernsehens durchzappt wird schnell die Figur des Dorfidioten entdecken. (Die Art des Humors erinnert etwas an die unzweideutige Komik von Peter-Alexander-Filmen.) Tollpatschig bricht der Dodel die Konventionen und legt so gesellschaftliche Verhältnisse offen. Seine Dummheit bringt ihm Spott ein, bewahrt ihn aber vor der Zensur. Ein verbreitetes Format in Vietnam, um Kritik anzubringen. Sprachlich geschliffener geht es im Schelmenroman Dumb Luck aus 1936 zu. Das Stück war lange untersagt. Es beschreibt den erstaunlichen gesellschaftlichen Aufstieg des rothaarigen Rumtreibers Xuan in die schmale vietnamesische Bourgeoisie. Eine bittere Satire auf die Modernisierung einer frankophilen Elite im spätkolonialen Vietnam. Parallelen zur heutigen Nouveau Riche drängen sich auf.

10. Totenkranz: Kommissar Ly ermittelt

Totenkranz Kommissar Ly ermittelt, Nora Luttmer.
Totenkranz Kommissar Ly ermittelt, Nora Luttmer.

Krimi. Kommissar Ly ist ein typischer Krimikommissar wie wir ihn aus dem „Tatort“ kennen. Sein Privatleben bringt er nicht auf die Reihe, die Chefs hindern ihn am arbeiten, mit seinem Freund trinkt er schweigend. Ly soll einfach nur drei Morde klären. Schnell wird klar, das ist nicht möglich ohne sich mit mächtigen Kreisen anzulegen, die tief in Korruption verstrickt sind. Die Autorin Nora Luttmer hat Südostasienkunde in Paris, Passau und Hanoi studiert. Die Deutsche hinterlegt die Handlung mit einer Kulisse, die LeserInnen Hanoi riechen, hören und spüren lässt. Wie alle guten Krimis steht die Handlung auch als Sinnbild für eine ganze Gesellschaft. In Totenkranz ist es ein Land mit korrupten Eliten, desillusionierter Bevölkerung, sowie gescheiterten Idealen.

11. Kulturschock Vietnam: Alltagskultur, Traditionen, Verhaltensregeln von Monika Heyder

Kulturschock Vietnam, Monika Heyder
Kulturschock Vietnam, Monika Heyder

Guide. Der Reiseführer für Touristen und Geschäftsleute aus der Kulturschock-Reihe will Sitten und Gebräuche des Landes vermitteln: Feste und Feiertage, Moralvorstellungen, Familienleben, Geschlechterrollen oder Tischsitten. Was als praktischer deutschsprachiger Ratgeber angepriesen wird, liest sich leider über weite Strecken als klischeehafte Anthropologie. Heyders Darstellung lässt sich – ein ganz spezifisches Interesse vorausgesetzt – dennoch mit großem Nutzen lesen. Nämlich als leicht verklärte Beschreibung einer von Konfuzianismus, Buddhismus, Nationionalismus und Sozialismus geprägten Gesellschaft vor der Integration in das kapitalistische Weltsystem. Die Wissenschafterin aus dem DDR-Bruderstaat verbrachte ihre Studienreisen in Vietnam vor der wirtschaftlichen Öffnung 1986. Offenbar fand sie diese „vorkapitalistische“ Kultur noch weit verbreitet vor. Heute lassen sich Versatzstücke davon in der Provinz, bei älteren Menschen sowie in Film und Literatur finden. Wo Vietnamreisende heute für gewöhnlich verkehren, da ist das Leben längst von globaler Alltagskultur und kapitalistischen Werten geprägt.

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