Vergessene Helden: Ernst Frey

„Vietnam, mon amour!“ heißt die unfassbare Biografie des Wiener Juden Ernst Frey. Als Fremdenlegionär sucht er den Kampf gegen das Hitler-Regime. Doch das Schicksal verschlägt ihn nach Indochina, wo er für Ho Chi Minh eine schlagkräftige Guerilla-Armee aufbaut. Um sich dann von den Kommunist/innen zu emanzipieren. Es ist die fantastische Lebensgeschichte eines österreichischen Helden, die mir bislang auf befremdliche Weise verborgen blieb.

Ernst Frey vor seiner Flucht aus Wien.
Ernst Frey. Das letzte Bild vor seiner Flucht aus Wien 1938. Alle Faksimile: Czernin Verlag

Gerade habe ich eine schier unglaubliche Heldengeschichte gelesen: Ernst Frey kommt 1915 in Wien auf die Welt. Seine Eltern sind einfache Leute. Als kommunistischer Kader lernt der junge Frey Schuschniggs Kerker und den Kampf aus dem Untergrund kennen. Doch der Einmarsch der Nazis zwingt ihn, seine wehrlosen Eltern in Wien zurück zu lassen und zu fliehen.

Im tief verschneiten Hohenems überquert er den Alten Rhein Richtung Schweiz. Versehentlich schwimmt er zurück. Trotz dreimonatiger Haft in Feldkirch entgeht er der Gestapo-Bürokratie und wird lediglich aufgefordert, das deutsche Reich zu verlassen.

Die kleine jüdische Gemeinde in St. Gallen versorgt ihn und Freund/innen aus Wien verhelfen zur Weiterreise ins Pariser Exil.

Offizier der Fremdenlegion

In Frankreich verpflichtet sich Frey in die Fremdenlegion. Doch der Plan, unter der Tricolore gegen Hitler zu kämpfen, geht nicht auf. Stattdessen verschlägt es Frey in die französische Kolonie Indochina.

Die Katze lässt das Mausen nicht: Frey gründet eine kommunistische Zelle in der Legion und nimmt Kontakt mit den vietnamesischen Genoss/innen auf. Ho Chi Minh und seine Getreuen führen die nationale Befreiungsbewegung Viet Minh an. Deren vorrangiges Ziel ist die Vertreibung der Besatzung und die nationale Unabhängigkeit.

Die militärische Oberhand gewinnt allerdings zunächst das expandierende japanische Kaiserreich und Frey gerät in Kriegsgefangenschaft. Zu seinem Glück können sich die Tenno-Truppen nicht mehr lange halten. Doch als der Weltkrieg endet, verzichtet Frey auf das lukrative Altenteil eines Ex-Legionärs im befreiten Frankreich. Stattdessen verbreitet er die Nachricht vom Tode seiner Person und tritt offiziell in die Dienste der Viet Minh ein.

Viet Minh-Oberst Nguyen Dan

Als ehemaliger Ausbildner der Fremdenlegion ist Frey – nunmehr Nguyen Dan – den Kommunisten eine große Hilfe: er baut Spezialeinheiten für Ho Chi Minhs Guerilla-Truppen auf. Am strategisch wichtigen An Khe-Pass kommandiert der Wiener eine erfolgreiche Abwehrschlacht gegen die Franzosen und wird dafür von Militärchef Nguyen Giap zum Sicherheitschef der nord-vietnamesischen Regierung ernannt. Im Dienstrang eines Oberst.

Parteitag der Kommunisten 1950.
Parteitag der Kommunisten 1950. Erster v.l.: Generalsekretär Truong Chinh; dritter v.l: Giap; ganz rechts: Ernst Frey

Selbst nicht gerade zimperlich bei der Beseitigung von französischen Spitzeln, entfremdet sich Nguyen Dan immer stärker von seinem Mentor Giap. Sowohl militärisch als auch weltanschaulich übt Dan immer heftigere Kritik an der Nummer drei der vietnamesischen KP, mit dem er einmal eine enge Freundschaft pflegte.

Dan kritisiert den Einsatz von Folter durch den kommunistischen Geheimdienst. Persönlich plagen ihn Gewissensbisse wegen eigener Taten; Dan begeht einen Selbstmordversuch und hat ein religiöses Erweckungserlebnis. Im Unfrieden verlässt er Vietnam und kehrt über Peking und Moskau ins Nachkriegs-Wien zurück, wo er sich eine bürgerliche Existenz als Vertreter aufbaut. Frey verstirbt 1994. Vorher kommt es noch zu einem versöhnlichen Briefwechsel mit Giap.

Warum blieb mir Ernst Frey bislang verborgen?

Nach einer Vietnam-Reise bin ich in der Wiener Stadtbücherei zufällig auf die Memoiren von Frey gestoßen. Es befremdet mich einigermaßen, dass ich zuvor von der schillernden Lebensgeschichte dieses österreichischen Helden noch nie gehört hatte. Nicht einmal ein Wikipedia-Eintrag über Ernst Frey existiert. Auch die einzige Auflage der Biographie ist schon länger vergriffen.

Vietnam mon amour!
Vietnam mon amour! – Die Biographie von Ernst Frey im Czernin-Verlag.

Verfasst hat die 300 Seiten starke Biographie die mittlerweile verstorbene Historikerin Doris Sottopietra. Sie hat ein Manuskript von 1200 Seiten verarbeitet, dass Frey in fünfjähriger Arbeit erstellt hatte. Bis zu seinem Tode versuchte Frey vergeblich, einen Verleger für seine Geschichte zu finden.

Ich habe inzwischen mit einer Tochter von Frey Kontakt aufgenommen, weil ich auch das Original-Manuskript lesen wollte, das viele Details über den Befreiungskampf der Vietnamesen enthält. Nach einem persönlichen Gespräch hat sie mir eine Kopie des dreibändigen Wälzers zur Lektüre überlassen.

Buch und Manuskript bieten einmalige Einblicke in den zähen Befreiungskampf der Vietnames/innen. Die Schilderungen zeichnen ein kontrastreiches Bild von den Gründervätern der vietnamesischen Republik und werfen schwere Schatten auf Männer, die in Vietnam wie Götter verehrt werden. Auch bei sich selbst spart Frey nicht mit Selbstkritik.

Ernst Frey ist eine außerordentliche Persönlichkeit, seine Lebensgeschichte bietet Stoff für mindestens drei Romane. Ernst Frey hat Geschichte geschrieben und verdient einen Platz in den Geschichtsbüchern. Ich kann nicht verstehen, warum sein Vermächtnis nicht in das kollektive Gedächtnis der Republik eingegangen ist.

Das Buch gibts in einigen Zweigstellen der Stadtbibliothek Wien. Über die Hauptbücherei am Urban Loritz-Platz kann es vorbestellt werden. Auf der des Website des Czernin Verlag kann man sich für das vergriffene Buch vormerken lassen.

Edit: Hier gibts eine kleine Kampagne für die Neuauflage der Frey-Biographie!

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