The Land of the free!

Ich hab mich total gefreut, als mich Mirjam Bromundt gefragt hat, ob ich nicht wieder für das Festival mit der besten Location Österreichs das poolbar-Magazin Editoral schreiben möchte. Als ehemaliger Mitarbeiter bin ich dem exquisiten Festival in Vorarlberg noch immer total verbunden. Allerdings muss ich sagen, dass mir das heurige Motte zunächst gar nicht behagte: „The Land of the free“ – Das klingt für mich ein wenig nach Waffenlobby und fleischigen Rednecks

Nach einigem Nachdenken ist es mir doch gelungen, einen Dreh zu finden, der sowohl meinen Vorstellungen als auch den thematischen Vorgaben entspricht. Als Draufgabe hab ich noch ein Inserat für SOS Mitmensch im Heft unterbringen können, das ebenfalls mit dem heurigen Ikonografie spielt. Die Grafiker vom Wohnzimmer haben sich ja wieder einiges einfallen lassen, um den Erwartungen an den ganz speziellen Charme des  Festivals gerecht zu werden. Bildelement des Magazins sind heuer Indianer, Büffel, die Wüste und eine Western-Typo.


EDITORIAL
Und ewig lockt der Ruf: Come to the land of the free
Wie das poolbar-Festival jedes Jahr ohne Rothäute niederzumetzeln neu Land kultiviert.

Ackerbau und Viehzucht sind auf der Liste der Top-Freizeitaktivitäten nicht ganz oben auf. Aber manchmal möchte man ein Schiff besteigen und gegen Westen fahrn: Am neuen Kontinent ein unbewohntes Tal entdecken – die Erde pflügen und nach den eigenen Vorstellungen leben. Ohne Vorschriften und Einschränkung – von der Nachbarsranch durch viel Wald und Fluss getrennt.

Vor sechzehn Jahren machten sich Abenteuerlustige Jugendliche daran, ein kleines Stück Land inmitten von Feldkirch kulturell zu bewirtschaften: das damals ungenutzte alte Hallenbad im städtischen Reichenfeld-Park. Die Anfangzwanziger erkämpften sich gegen viele Widerstände ein Festival und schufen sich ihre neue kulturelle Homebase. Musik, Grafik oder die Innenarchitektur des Festivalgebäudes – alles war Eigenbau und so wie man selbst es haben wollte. Eine ganze Generation Vorarlberger Jungies fand im poolbar-Festival ihren zeitgemäßen Ausdruck: Acts, die sonst keiner booken wollte erwiesen sich als Publikumsmagneten und zogen Fans aus Italien, der Schweiz und Deutschland an. Die schräge Grafik des randständigen Festivals eroberte den Mainstream und ist heute in Vorarlberg ästhetischer Stand der Technik.

Inserat von SOS Mitmensch im Poolbar-Magazin zum Motto "Land of the free"
„Die wollen sich einfach nicht integrieren“ – Inserat von SOS Mitmensch im Poolbar-Magazin zum Motto „Land of the free“

Noch heute weht der Geist des Aufbruchs durch den Reichenfeld-Park. Gut, die jährliche Zusammenkunft ist professioneller – ja – auch geschmeidiger geworden. Schweiß der Entbehrung steigt heute kaum mehr bis in die Nase der rund 15.000 BesucherInnen hoch. Doch so wie der Weg zum alten Hallenbad jedes Jahr mit neuen Pflanzen verziert ist, so verwirklichen die poolbaristas jedes Jahr aufs Neue ihre Vorstellung vom richtigen und guten Leben. Sie realisieren ihre Vision von zeitgenössisch kultureller Betätigung und von den Regeln gemeinsamen Schaffens. Wenn auch die langjährige Erfahrung inzwischen einen reibungslosen Ablauf des sechswöchigen Festivals garantiert; die Leute die dahinter stehen sind PionierInnen, die schwitzend verzichten, um ein Stück Land of the Free zu schaffen. Und ob es ihre Absicht ist oder nicht; das Aroma der Freiheit verbreitet sich unaufhaltsam – auch über den Ill-Fluß und den Stadtschroffen-Wald hinaus.

Vor ein paar hundert Jahren machten sich tausende EuropäerInnen auf nach Amerika. Auch sie wollten etwas aufbauen, wollten etwas aus ihrem Leben machen. Die Flüchtlinge verließen den Erdteil weil sie sich in ihrer Entfaltung durch
Chefitäten und Wirtschaftskrise eingeschränkt sahen, auch wegen handfester Hungersnöte, religiöser oder politischer Verfolgung. The Land of the Free, schallte der Lockruf bis in den letzten Winkel des alten Kontinents. Das Land in dem sich die neuen BürgerInnen für unabhängig von der Regierung erklärten, weil alle Menschen das Recht haben, frei zu sein und glücklich zu werden.

Nicht alle. Schwarze Haut wurde versklavt, rote Haut bedeckte ungezählt das Steppengras. Fortschrittsdenken wurde in den Kolonien mit tödlicher Ignoranz durchgesetzt. Heute sind der Genozid an den Indigenen und die Versklavung der AfrikanerInnen ein warnender Markstein. Solches Unrecht wurde zum Ausgangspunkt für die Grundregel menschlichen Zusammenlebens: Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt.

Es geht immer um dieselbe Frage, ob auf der zwischenmenschlichen, der staatlichen oder der globalen Ebene: Wie können auseinander klaffende Lebensvorstellungen kombiniert und unterschiedliche Interessen fair ausgehandelt werden? Wie können sich alle nach Gusto entfalten, ohne dass das Ganze auseinanderfällt. Schlechten Entscheidungsprozessen in Beziehungen, Gesellschaften oder der Welt mangelt es irgendwann an Legitimation und ihre Ergebnisse können nur noch mit den Mitteln der Herrschaft durchgesetzt werden. Bei Zwang und Gewalt kann man getrost von einem Mangel an guten Verfahren ausgehen, mit denen die vorhandenen Möglichkeiten, Rechte und Ressourcen verteilt werden. Haben abweichende Einstellungen und Wünsche keinen Platz, oder ist der Druck hoch, sich anzupassen und einzufügen, dann läuft mit Garantie etwas falsch: Wahrscheinlich sind ein paar Etablierte nicht gerade verschwenderisch motiviert, einen breiten Konsens zu erzielen und mit Sicherheit besitzen ein paar Habenichtse gar kein Mitspracherecht.

Die poolbaristas lernen diese Dinge nicht fürs Leben, sie lernen es für die Welt. Denn sie profitieren nicht nur selbst, die immerwährende Neuland-Betretung dient der Ermutigung aller: „Schaut her, wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt – und nicht einE IndianerIn musste sterben.“

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