Privileg Menschenrecht

Bin ich der Einzige, dem bei der Nudelsieb-Aktion ein flaues Gefühl geblieben ist? Die Aktion war wirklich sehr komisch, aber beim Lustigmachen über Minderheitenrechte komme ich ins Stocken.

Passbildkriterien laut BMI.
Passbildkriterien des BMI.

Nennt mich eine Spaßbremse. Aber danach will ich eine ernste Antwort: Worüber macht sich ein Nudelsieb am Kopf eigentlich lustig? Natürlich hab ich zunächst auch über Niko Alms Führerschein-Foto gelacht. Aber ein flaues Gefühl ist dann später doch geblieben. Und nachdem niemand anderes ein Unbehagen artikuliert hat, habe ich mich entschlossen, diesen Beitrag zu schreiben. Denn die Nudelsieb-Aktion zieht Ausnahmeregelungen für religiöse Kopfbedeckungen ins Lächerliche. Und da will ich nicht unbedingt dabei sein.

„Ich will damit auf die Privilegien der Kirchen hinweisen“, sagt Niko laut Medienberichten. Privilegien? Das Menschenrecht auf freie Religionsausübung ist also neuerdings ein Privileg. Vielleicht so, wie zum Beispiel das „Privileg“, als slowenische Minderheit zweisprachige Ortstafeln lesen zu dürfen? Oder demnächst vielleicht das „Privileg“ einen Asylantrag zu stellen?

Die Religionsfreiheit ist kein absolutes Menschenrecht, es muss gegen andere Güter abgewogen werden. Sie kann zum Beispiel wie beim Kopftuch am Passfoto im Interesse der öffentlichen Ordnung eingeschränkt werden.

Und im Gegenzug ist es notwendig, auch Maßnahmen zur Durchsetzung der öffentlichen Ordnung einzuschränken. Nämlich dann, wenn sie unverhältnismäßig in die freie Lebensgestaltung und damit Menschenrechte eingreift.

Wenn sich nun jemand letztlich darüber lustig macht, dass der Durchsetzung der öffentlichen Ordnung Grenzen gesetzt werden, find ich das eigentlich nicht besonders schlau und ich nehme an, es ist auch überhaupt nicht im Sinne des Erfinders.

Ich finde ausserdem, es gibt ausreichend gute Gründe, Religionskritik zu üben. Aber warum dabei Minderheitenrechte angreifen, statt ihre Ausweitung auf andere Gruppen (bzw alle) zu betreiben?

Frauen mit Kopftuch sind in Österreich ohnehin vielfältigen Angriffen ausgesetzt. Ich kann – je länger ich darüber nachdenke – nur schwer nachvollziehen, warum Niko gerade dieses Thema als Kirchenprivileg angreift, wo doch mit der staatlichen Finanzierung des konfessionellen Unterrichts oder Steuer-Ausnahmen für anerkannte Kirchen viele tatsächliche Privilegien auf der Agenda wären.

29 Gedanken zu „Privileg Menschenrecht“

  1. wie schon an anderer Stelle deponiert:
    Was mich auch noch so bitter stört ist folgendes:
    1. Die unreflektierte Weise wie die Medien, im Besonderen der Standard (der sonst eng mit Alm’s Werbeagentur zu tun hat – so ein Zufall!), damit umgegangen sind. Wie feixende Kinder haben sie die Geschichte unüberprüft übernommen und erst später etwas relativiert als sich herausstellte, dass der bekannte Selbstvermarkter Alm wohl nicht 100% bei der Wahrheit geblieben war.
    2. Die wachsende Kampf-Atheistenbewegung, deren Ziel es scheint nur durch Beleidigung und Diffamierung der etablierten Religionen Aufsehen erregen zu wollen. Mir scheint nicht eine Gleichbehandlung ist das Ziel sondern die Abschaffung der Religionen an sich. Das halte ich nicht nur für kulturell gefährlich. Auch der soziale Friede wird strapaziert, fühlen sich doch viele religiöse Menschen durch solche Aktionen sehr gekränkt und veräppelt.
    3. Überhaupt – und das ist jetzt eine ganz persönliche Meinung – ist die spührbar radikale Zunahme an Leuten mit massiv-feindlicher Haltung zu Krichen (nicht einfach Atheisten oder dergleichen) ein großes Problem in Europa und spielt ultra-konservativen in die Hände, die alle unter sich versammeln können, die sich dadurch in ihrer kulturellen Identität bedroht fühlen. Aber daran denkt man in Werbeagenturen sicher nicht, wenn man sich wieder mal eine lustige Beleidigung für die Religionen ausdenkt…

  2. Nein Philipp, du bist nicht der einzige mit einem komischen Gefühl. Ich glaube aber auch nicht, dass es darum ging Minderheiten vorzuführen. Soweit ich da ein politisches Statement rauslesen konnte, wollte er aufzeigen welche Absurditäten vermieden werden könnten, wenn Staat und Kirche getrennt wären. Aus Sicht eines Atheisten ist es absurd, dass in so einem Fall religiöse Kopfbedeckungen zugelassen sind, aber andere nicht. Wenn Staat und Kirche getrennt wären, würde es vermutlich diese Ausnahme auch nicht geben. Und über die Sonderstellung der Kirche gäbe es in letzter Zeit genug anderes zu kritisieren.

    Deswegen muss man für so eine Aktion einen Hang zur Selbstdarstellung haben – immerhin ist der Mann Werber 😉 Ich glaube nicht, dass diese Aktion, ohne die Möglichkeit der Selbstdarstellung, für ihn wichtig genug gewesen wäre. Das unterstell ich mal.

    Aus meiner Sicht: Wenn sich Menschen aus religiösen Gründen teilweise oder komplett verhüllen, ist das ihre Sache. Wenn das ganze aber dogmatisch gehandhabt und zum Zwang wird, hab ich so meine Probleme. Zumal die Gründe mittlerweile genauso zu hinterfragen sind, wie ein Zölibat. Noch dazu ist das, meinen Quellen zufolge, historisch bzw. kulturell aus einer Gesellschaft entstanden, wo man u.a. glaubte, die Frauen, damit zu schützen. Allerdings ging es in einer Gesellschaft, wo die Regeln von Männern gemacht wurden, so wie ich es verstanden habe, darum die Frau als Besitztum des Mannes zu schützen. Das hat dann heute schon eine eigene Symbolik. Allerdings führt sich diese Symbolik wieder ad absurdum, wenn Frau den Führerschein macht.

    Wenn meine Quellen stimmen, wäre dieser Brauch aus der Kultur in die Religion eingeflossen und damit keine Frage des Glaubens mehr. Trotzdem glaube ich, dass viele Frauen das Kopftuch tragen um ihren Glauben offensiv zu zeigen. Also auch aus Gründen der Selbstdarstellung. Und wir leben im Zeitalter von Facebook – es geht dort, aus meiner Sicht, fast nur mehr um Selbstdarstellung. Und damit schließt sich der Kreis. Bleibt noch die Frage, wie weit diese Selbstdarstellung gehen dar und vorallem, ob es auch eine Ausnahme für Niki Lauda gegeben hat – kennt jemand sein Führerscheinbild?

  3. Nönö mike, die bw meint das schon ernst.
    Aber das ist eine gute Erinnerung, dass die Feinde einer laizistischen Zukunft nicht nur in der rechten Ecke beheimatet sind, sondern genauso in der linken. Hier wird nun das Kopftuch als Symbol gegen die autochone (religiöse wie areligiöse) Mehrheit zelebriert.
    Tragisch zu sehen, dass die Ziele der Linken bereits so esoterisch geworden sind, dass für deren Umsetzung eine Koalition mit der organisierten Religion nötig ist.

  4. @ bw

    „ich kenne keine “wissenschaftlichen fakten”, die gleichberechtigung unter menschen zwingend vorsieht.“
    Rassist? Ernsthaft, gehts noch?

    „wenn du dein “weltbild” rein auf “wissenschaftliche fakten und theorien” gründest, musst du dein “weltbild” wohl ziemlich oft grundlegend neu konzipieren, oder?“
    Selbsteingeständnis eines erkenntnisresitstenen Trolls. Sollte immerhin ein Weg zur Besserung sein.
    Gut, dass man den Rest nicht kommentieren muss, mit dem Sie sich selbst ins Out schießen, besser hätte man Sie nicht bloßstellen können — falls Sie das überhaupt geschrieben haben & nicht ihr größter Feind mit fake-account 😉

  5. werte/r bw: um vorweg ein missverständnis zu klären: ich sympathisiere sehr mit dem anti-kirchenprivilegien volksbegehren, kenne aber weder herrn alm persönlich – ich habe ihn bei ein oder zwei gelegenheiten getroffen, aber in gänzlich anderem kontext), noch habe ich sonst irgendetwas mit dem volksbegehren oder herrn alm zu tun. ihr verallgemeinerndes „ihr“ schiesst also einigermassen ins leere, da ich weder für herrn alm noch für seine vorhaben sprechen kann.

    ich habe versucht die losen enden ihres vorletzten postings zu erwischen und ihnen punkt für punkt zu entgegnen, der letzte absatz war natürlich zur provokation gedacht und sie sind mir ja auch voll drauf eingestiegen. dass die emotionen aber gleich so hoch gehen hätte ich nicht erwartet. falls sie das so verstanden haben: ich will ihnen sicher nicht absprechen dass sie vernunftbegabt sind, ich gebe zu da habe ich dann unzulässig verallgemeinert, sorry dafür.

    interessant ist aber dass sie mir ein mechanistisches weltbild unterstellen, denn das stimmt sicher nicht und ich halte es auch für gewagt das aus meinem posting herauslesen zu wollen. was sie interessanterweise überlesen haben war mein hinweis auf die empathie. diese halte ich für absolut wichtig und ein den menschen als solchen definierendes element (nicht ausschliesslich natürlich). ich glaube aber dass es die empathie ist, die es uns ermöglicht gänzlich ohne spiritualität auszukommen und trotzdem ein ethisch einwandfreies leben zu führen. ein „gottgefälliges“ leben, wenn sie so wollen, unter der abwesenheit von etwaigen „gottesdiensten“ halt.

    ich kann ihnen weiters versichern dass ich sie weder hasse, noch ihre meinung teile, nach der ich ein krüppel sein soll. weiters liegt es mir fern auf sie zu spucken, und ich bin auch durchaus nicht chauvinistisch. die sache mit dem absolutheitsanspruch muss ich dann auch aufs entschiedenste zurückweisen, den haben die meisten religionen dieser welt, ich aber sicher nicht. wenn sie meinen dass sie ohne spiritualität nicht leben können so sei ihnen diese unbenommen, ich bin allerdings der lebende beweis dafür dass man auch nie an einer glaubensgemeinschaft angestreift haben kann und trotzdem kein a…. sein muss. auch wenn sie mich in emotionaler reaktion vielleicht jetzt so bezeichnen würden.

    was schön wäre – und darauf läuft herrn alms volksbegehren hinaus wenn ich das richtig verstehe – wäre wenn wir nicht die eine oder andere religionsgemeinschaft staatlich protegieren würden, aber auch die „ungläubigen“ nicht staatlich diskriminieren würden. und wenn ich einen ganz gewagten vorschlag machen dürfte: wie wäre es wenn wir unser denken und handeln nicht nach sachverhalten oder göttern richten würden deren wahrheit oder existenz wir nicht beweisen können, sondern nach den dingen und umständen die wirklich nachweisbar sind, und zwar so dass es möglichst allen gut damit geht. das wäre dann schon ein riesenschritt vorwärts.

  6. liebe/r bw, sie schmeissen da völlig verschiedene dinge in den gleichen topf: menschen denen emotionalität fehlt und die nur rational handeln sind wahrscheinlich irgendwie krank. ich kann ihnen aber – hoffentlich glaubhaft – versichern dass ich praktisch frei von spiritualität bin (aber ganz und gar nicht von emotionalität) und mich durchaus für gesund halte.

    im übrigen muss man sich nicht über „atheistische fundis“ lustig machen, denn diese sind eine minderheit und haben keine lobby in gestalt einer mächtigen religionsgemeinschaft, die im extremfall dem österreichischen staat so absurde verträge wie das konkordat oktroyieren kann.

    sein weltbild auf „wissenschaftliche tatsachen“ zu gründen muss nicht per se schlecht sein, eine gewisse flexibilität mag nötig sein, da die wissenschaft anders als die meisten religions-gruftis (oder wie immer die repräsentanten der jeweiligen gemeinschaft heissen mögen) durchaus am leben ist und sich weiterentwickelt. daran kann ich beim besten willen nichts verwerfliches erkennen.

    für gleichberechtigung unter menschen braucht es wiederum keine wissenschaft, da reicht ein hineinhorchen in sich selber und eine intakte empathische grundkonstitution um zu erkennen dass das wichtig und richtig ist.

    wenn sie lieber ihr weltbild auf alte märchen gründen die ihnen alte knacker im rock erzählen dann ist das ihre sache, der weisheit letzter schluss wird das aber nicht sein wie jeder vernunftbegabte selber erkennen wird.

  7. Die Nudelsieb-Aktion von Niko richtet sich ganz klar auf Grund der fliegenden Spaghettimonsters gegen die pseudowissenschaftliche Erfindung des „Intellegent design“ der katholischen Theologen
    Ist die katholische Kirche schon eine Minderheit, dass Sie Privilegien braucht?

    Sepp (Ich glaube an den Schöpfer!)

  8. „inwiefern privileg? weil frau sich anziehen darf, wie sie will, solange ihr gesicht am foto sichtbar ist, ist sie herrn alm gegenüber priviligiert? und wenn es ihr verboten wäre, dann wären herr alm und diese frau gleichberechtigt? aha. aber religiöse menschen sind irrational …“

    nein, herr alm (und auch ich) wären dann gleichberechtigt, wenn es uns ebenso freistehen würde, eine kopfbedeckung zu tragen.

    versteht mich bitte nicht falsch, von mir aus soll jeder glauben woran er will, sei’s eine ominöse schöpfergottheit (jehova, allah, etc. pp), ein spaghettimonster oder cthulhu; und jeder ist herzlich eingeladen diesen glauben nach lust und laune auszuleben, sofern andere menschen nicht zu schaden kommen und beeinträchtigt werden.
    wo allerdings die gleiche behandlung in der dezidierten bevorzugung dieser menschen mit sehr lebhafter vorstellungskraft (oder einer affinität zu tausende jahre alten schriften) gegenüber jenen, die ihr weltbild auf wissenschaftliche fakten und theorien gründen, liegt, kann ich leider nicht erkennen (sry für diesen schachtelsatz o0)

  9. Lieber Niko!

    Ich hab dir nicht vorgeworfen, dass du dich über Minderheiten lustig machst.

    Und ja, nächstes mal rufe ich vorher an. Nicht, dass die Tatsachenbehauptungen im Blog es erfordert hätten. Aber es ist besser fürs Diskussionsklima.

    Lg, Philipp

  10. Na geh Philipp. Du weißt, wie du mich erreichst. Eine Primärrecherche wäre schon angemessen.

    1) Wo mache ich mich persönlich über Minderheiten lustig? Und v. a. welche Minderheiten.
    2) Niemals habe ich etwas anderes gefordert als, dass mir diesselben Rechte zustehen wie anderen.

    Und ja: es ist ein Privileg der Kirche, wenn die Republik ohne entsprechendes Gesetz in vorauseilendem Gehorsam Folders herausgibt, wo ohne Not für Religiöse Sonderrechte verbrieft werden.

  11. @ Louisimus
    Kein Wiener, oder? Penis ocularis: http://www.raketa.at/2003/05/13/was-ist-und-woher-kommt-das-nudelaug/

    @ Roland Giersing
    das mit der Quelle stimmt so nicht ganz. Die Hinweise, dass die selben Kriterien gelten wie beim Reisepass (also incl Kopfbedeckungsausnahme bei Religionen) tauchen auch auf den Serviceseiten des BMI & des BMViT auf, die exakt zum Zweck eingerichtet wurden, über den Führerschein aufzuklären:
    http://www.passbildkriterien.at/fuehrerschein.html
    http://www.scheckkartenfuehrerschein.at/shop/shop.php?detail=1251122249
    Dass dann das ganze trotzdem statt paar Tagen paar Monate (Jahre?) deutet nochmal drauf hin, dass sie mit der Kopfbedeckung vermutlich doch nicht so einverstanden waren.

    @ Klaus Werner-Lobo
    Super! Lässig, dass du das auch unterstützt & sogar incl OTS!
    (btw: heute ist ein Info-stand dazu beim Stock-im-Eisen-Platz seit 9h)

    @ phs
    Ich verstehe deinen Punkt, hätte die Position aber nicht eindeutig aus dem Spiegel-Artikel herausgelesen, imho auch durch die Beifügung der Nonnen entschärft. Florian Klenk kann ich auch wiedermal nicht zustimmen. Wie hübsch sich der Satz in 140 Zeichen Kompaktformat liest, findet es sich nicht in meinem Ethikverständnis, dass ein Wortspender für jeden Verriss davon verantwortlich ist, wie sehr das auch ausserhalb des Kontexts verrissen wird. Gerade als Journalist würde er sich so ein leichtes Leben machen können & hie & da mal was absichtlich falsch verstehen „die Verantwortung tragt eh der, der _etwas_ gesagt hat“…

  12. Es ist gut, hier nochmals alle Argumente gegen das Konkordat und die Bevorzugung von religiösen Ideologien durch Staat und Menschenrechtskonvention anzuführen.

    Besser wäre noch, wenn diese Argumente in der Kronen-Zeitung stehen würden. Aber nicht nur dort wird die Aktion als Protest gegen religiöse Kopfbedeckung aufgefasst – und nicht gegen kirchliche Privilegien (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,774219,00.html, http://lockerz.com).

    Das kann man jetzt auf die doofen Medien schieben oder auf die Konzeption der Aktion. Mein Unbehagen rührt daher, dass absehbar war, dass aus einer Kopfbedekungsaktion nur schwer eine Kirchenprivilegs-Geschichte wird.

    Satire muss das trotzdem dürfen, und auch wenn sie wie hier in eine Kampagne (das Volksbegeheren Kirchenprivilegien) eingebaut ist.

    Sie muss sich aber im Gegenzug auch der Bewertung stellen, ob sie clever oder weniger gut gemacht, progressiv oder reaktionär ist.

    Und weil das Thema auf Twitter angesprochen wurde (http://twitter.com/#!/florianklenk/status/91259413536579584): Wir „dürfen“ über die Aktion lachen, aber wir tragen auch die Verantwortung dafür, in welche politischen Anliegen und Kampagnen unser Lachen eingebaut wird.

    Wenn absehbar ist, dass eine dominante Deutung einer Aktion „Protest gegen religiöse Kopfbedeckung“ sein wird, lege ich Wert darauf, mich von dieser Deutung zu distanzieren.

  13. Mir fällt dazu nur das „Nudelaug“ ein. Bisher konnte ich mir ohnehin nichts darunter vorstellen.

  14. Ein paar Anmerkungen: es gibt keine Ausnahmeregelung für religiöse Kopfbedeckungen im Gesetz, diese kommt rein von der Broschüre mit dem Herrn 160km-ist-zu-klein-für-mich-oder-so.

    Der entsprechende Gesetzestext:

    „ein Lichtbild, mit einer Höhe zwischen 36 und 45 mm und einer Breite zwischen 28 und 35 mm, wobei der Kopf erkennbar und vollständig abgebildet sein muss,“

    Offenbar ist ein Kopf trotz Kopfbedeckung, egal ob Mütze oder Nudelsieb erkennbar.

    Den Vorwurf, durch Niko Alms Aktion würden Minderheitenrechte angegriffen, verstehe ich nicht. Welche Minderheitenrechte? Das Tragen von Kopfbedeckungen ist kein Minderheitenrecht. Ja, Frauen mit Kopftuch sind Angriffen ausgesetzt. Aber nicht Angriffen von Behörden, sondern Angriffen von Mitgliedern dieser unserer Gesellschaft. Männer mit Kopf-Nudelsieben sind auch Angriffen ausgesetzt, wie der Fall zeigt, allerdings Angriffen von Seiten der Behörden, durch Vorladung vor den Amtsarzt zur Feststellung der geistigen Gesundheit.

    Im Übrigen bin ich der Meinung dass es in der Bundeshymne „Heimat großer Töchter und Söhne“ heißen sollte.

  15. nun ich denke, dass es wichtig wäre, allen menschen die gleichen rechte zuzugestehen, unabhängig davon ob sie einer religionsgemeinschaft angehören oder nicht. ich sehe die konfessionslosen ebenso als „glaubengemeinschaft“ wie andere, die einen wissen 100% dass es einen oder mehrere göttInnen gibt, die anderen ebenso zu 100% dass es keineN gibt, dann wären da noch jene, die weder der einen noch der anderen angehören usw.

    eine meiner töchter wurde in ihrer schulzeit einmal aufgefordert, sie hätte ihr kopftuch abzunehmen, weil das im unterricht nicht erlaubt sei. die rückfrage der lehrerin („oder bist du bei einer relgionsgemeinschaft, die das verlangt?“) war in meinen augen nicht angebracht. denn wenn eine jüdin oder muslimin kopftuch tragen darf, wenn katholischen nonnen solche tragen, warum soll dann meine tochter – OHNE angabe von gründen – nicht ebenso ein kopftuch tragen dürfen. gleiches recht für alle. thats it.

  16. Religionsfreiheit ist wichtig, ja. Jeder soll seine Religion ob & welche er/sie hat persönlich bestimmen & vllt sind wir ja irgendwann mal doch so weit, dass wir keine Ehrfurcht vor unsichtbaren traditionsproduzierten Märchengestalten haben müssen & diesen durch unsere Askese & irdische Riten wie lustige Verstümmelungspraktiken oder so, danken. Aber nichts überstürzen… jedenfalls zweifle ich ja da schon an der absoluten freien Religions(ausübungs)Wahl die vieles dann legitimiert.

    Aber such egal: wer kann sich denn auf Religionsfreiheit in besagtem Beispiel berufen; als Stellvertreterbeispiel?
    Lt der Stellungnahme des Bundespolizeidirektionspressesprecherdonaudampfschiffskapitäns wurde das Sieb eh nicht als Religionsreliquie abgenommen, wäre also am Pass ungültig. Aja: nach den Unflätigen des BMI auch für den Führerschein nicht gültig, steht da doch (wie du mit dem Bild oben richtig andeutest), dass die gleichen Kriterien gelten.
    Sprich: das ist ein Privileg, das ausschließlich Leuten zugute kommt, deren Glauben anerkannt wurde nach willkürlichen Kriterien. Willkürlich jedenfalls, wenn einem an Religionsfreiheit tatsächlich was liegen würde.
    Warum nicht sinnvoll begründeter persönlicher Freiheit Vortritt geben? Wo ist der tiefere Unterschied, ob ich ein Kapperl, ein Sieb, ein Kopftuch trag? Worum geht es?

    Rhetorisch könne. Wir die Frage auch so stellen, dass wir dem Niko statt dem Sieb ein willkürliches (aber anerkanntes) „Religionsding“ aufsetzen obwohl er nicht daran glaubt. Darf er denn das? Ich behaupte mal nein (siehe Brille im Führerschein)

  17. Danke für den Beitrag, Philipp. Genau das trifft mein Unbehagen auch, auch wenn ich die Marketing-Idee gut finde, selbst wenn ich die Inhalte echt nicht teile. Mein Eindruck ist, dass ein Teil der „militanten Atheist_innen-Szene“ auch ziemlich rassistisch ist. Das möchte ich explizit Niko Alm überhaupt nicht unterstellen, aber das Phänomen gibt das in der Szene nicht selten. Über historisch gewachsene Strukturen im Verhältnis Religionen – Staat kann man schon streiten – aber wenns um die Würde jedes Menschen, wurscht welcher Religion, geht, wird es heikel. Aber ich habe wirklich schon viel schlimmeres gesehen als die Nudelsieb-Aktion.

  18. Freie Religionsausübung bedeutet auch, dass niemand anderer entscheidet, was meine Religion ist. Selbst wenn es eine Spaßreligion ist.

    Privilegien für Kirchen sind das Problem, nicht Rechte zur Religionsausübung. Gleiche Rechte für alle.

  19. bitte den derstandard.at chat mit herrn alm nachzulesen, da wird klar das es ihm weniger um die menschenrechte geht als um das konkordat, das im jahr 2011 ja mehr als diskussionwürdig ist.

    die menschenrechte sind hier übrigens unvollständig und ungerecht, denn sie schützen die interessen der gläubigen. wer aber schützt die interessen der atheisten und agnostiker und ähnlicher skeptiker? wenn sich irgendwelche musliminnen kopftücher aufsetzen dürfen dann möchte ich mir auch aufsetzen dürfen was ich will auf meinem passfoto, nicht aus religiösen gründen, sondern eben aus nicht-religiösen gründen. und ohne ein spaghettimonster bemühen zu müssen. das ist einfach eine ungleichbehandlung.

    die menschenrechte sind natürlich absurd in dieser hinsicht, denn die interessen derer die schwachsinn glauben werden geschützt durch sie, die interessen derer die keinen schwachsinn glauben aber nicht. genaugenommen müssten die menschenrechte auch einen passus für die nicht-gläubigen enthalten der deren interessen schützt, denn die haben keine lobbies (=religionsgemeinschaften). was lernen wir daraus? auch die deklaration der menschenrechte wurde massi von lobbying beeinflusst.

    und ja, es ist bescheuert wenn der gesetzgeber erst beschliesst: foto ohne kopfbedeckung, dann aber ausnahmen religiöser natur macht. im sinne der gleichbehandlung ist das nicht möglich weil dadurch atheisten und agnostiker diskriminiert werden. nur redet darüber halt keiner.

    all das ist natürlich lächerlich und spitzfindig, viel wesentlicher ist die abschaffung und ersatzlose streichung des konkordats. und sie kommen mir mit den menschenrechten. tss.

  20. Im Prinzip hast Du recht, aber ich habe aus der ganzen Aktion einen ganz anderen Punkt als Hauptsache herausgelesen. Ich glaube nicht, daß sich da jemand über Minderheiten als solche lustig machen wollte, sondern über die Kritklosigkeit, mit der der größte Schwachsinn hingenommen und zugelassen wird, sobald sich jemand auf seine „religiösen Gefühle“ beruft.

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