Mach uns den Türken

Damit wir einem jungen Kurden hierzulande zuhören, muss er uns den Türken geben. Wer als Ausländer/in mitreden will, sollte sich tunlichst an die vorgegebenen Rollen halten. Denn seit Jahren spielts das selbe Stück: den völkischen Dauerbrenner vom Kulturkampf.

Wir Kommen! Von Inan Türkmen. Im Verlag edition a.
Wir Kommen! Von Inan Türkmen. Im Verlag edition a.

Inan Türkmen ist Kurde und hat ein Buch geschrieben. Er verarbeitet Erfahrungen, die er als Jugendlicher in Linz und in seinem Geburtsland Türkei gemacht hat. „Ich kenne beide Welten“, sagt der 24-Jährige bei der Präsentation. „Und ich wollte mit einigen Vorurteilen aufräumen“. Zwei Kamerateams und ein gutes Dutzend Journalist/innen drängen sich bei der Vorstellung im Kent am Brunnenmarkt.

Die Medien wären nicht gekommen, hätte Inan Türkmen nicht nach Drehbuch inszeniert. Die FPÖ trommelt es seit Jahrzehnten; verpeilte Bürgerliche sprechen es nach; Thilo Sarrazin hat Millionen damit verdient: Die Türken sind eine andere Kultur. Diese Kultur hat die europäischen Standards nicht erreicht. Es gibt viel Türken hier. Sie wollen sich kaum integrieren. Sie haben eine hohe Geburtenrate und sind eine Bedrohung.

Ein Kurde gibt uns den Türken

Türkmen hat der Öffentlichkeit gegeben was sie hören will. Endlich gibt es einer zu. Wir kommen steht weiß auf rot am Buch-Cover. Darüber das türkische Wappen, Mond und Stern. Wir sind mehr, wir sind jünger, wir sind stärker – so die Kapitel-Überschriften. „Man muss in Österreich provozieren, um gehört zu werden“, sagt Türkmen. Und die Öffentlichkeit zeigt sich erkenntlich. Türkmen darf live in die ZIB24 und in viele Tagesmedien.

Die Kameras wären nicht gekommen, hätte Türkmen das Drehbuch nur leicht adaptiert und einen anderen Einband für das selbe Buch gewählt. „Sohn kurdischer Flüchltinge berichtet über Diskriminierungserfahrungen in Linz und klärt Vorurteile über die Türkei auf“ – das ist ein brauchbarer Aufhänger für die Mitgliederzeitung der Caritas, aber nicht für den Mainstream. Über Diskriminierung will die Mehrheit der Österreicher/innen nichts zum Frühstück lesen. Aber nicht nur da. In der Ablehnung von Fremden ist Österreich zu allen Tageszeiten europäischer Spitzenreiter.

Am Spieltisch der Sarrazine

Türkmen hofft, dass er den Rummel nutzen kann, um seine Anliegen vorzubringen. Ich bin da skeptisch. Das Buch hat seinen Newscycle gehabt und mein vorläufiges Resumee fällt gemischt aus: Gut, dass freche Positionen endlich auch in die österreichische Debatte Eingang finden. Türkmen konnte seine Themen auch durchwegs unterbringen. Allerings hat der Linzer die kulturalistische Karte gezückt und ist deshalb am Spieltisch der Sarrazine gelandet. Dort wird nach deren Regeln gezockt, er spielt ihr völkisches Spiel.

Kulturelle Identität ist nicht das bestimmende Merkmal gesellschaftlicher Konflikte und Entwicklungen. So denkt auch Türkmen. Aber er scheint auch zu glauben, dass er das Drehbuch bestimmen kann, wenn er die Rolle nur erst einmal ergattert hat.

5 Gedanken zu „Mach uns den Türken“

  1. >> Der Artikel heißt aber “Mach uns den Türken”, was impliziert, das er nur so tut als wäre er ein Türke.

    Nein. Der Titel impliziert, dass Identitäten das Ergebnis von Aushandlungsprozessen sind und nicht biologischer Disposition. Menschen gestalten ihre Identität im Zusammenspiel mit ihrer Umwelt – aktiv, passiv, mehr oder weniger. Wenn Türkmen seine kurdische Herkunft nicht selbst ins Spiel gebracht hätte, wäre ich nicht drauf gekommen. Trotzdem anerkenne ich auch Türkmens türkische Identität. Der Titel ist eine Kritik am Integrations-Diskurs und den Rollen, die er vorsieht.

  2. Der Artikel heißt aber „Mach uns den Türken“, was impliziert, das er nur so tut als wäre er ein Türke.

  3. Lieber Gast! (Posting vom 7. März um 20.13 Uhr)
    Von der Bezeichnung als Kurde hat sich Türkmen bei der Buchvorstellung nicht distanziert. Da muss es auch kein entweder oder geben. Türkmen als Kurden zu bezeichnen, spricht ihm nicht ab, Türke zu sein, oder Linzer.

  4. Woher nimmst du dir eigentlich das Recht, dem Herrn Türkmen seiner selbst gewählten Identität zu berauben? Vielleicht bezeichnet er sich als Türke, weil er sich als solcher fühlt? Er könnte sich genauso gut als Österreicher oder sonst was bezeichnen, niemand hat das Recht anderen ihre Identität abzusprechen, die kann jeder Mensch selbst frei wählen. Und ob ich mich heute als Mann und morgen als Frau definiere, ist genauso ganz frei die Entscheidung des Individuums!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.