Hannah Arendt über Pluralität

Hannah Arendt vertrat ein Konzept von „Pluralität“ im politischen Raum. Demnach besteht zwischen den Menschen eine potentielle Freiheit und Gleichheit in der Politik. Doch diese politische Öffentlichkeit hat nur Bestand, wenn gemeinsames Handeln und Sprechen fortgesetzt vollzogen wird.

Hannah Arendt
Hannah Arendt emigrierte 1933 nach Amerika und entwickelte dort ihre einflussreiche politische Theorie zu den Existenzbedingungen einer freien Gesellschaft.

Die Wiener Philosophin Sophie Loidolt hielt letzten Dezember einen interessanten Vortrag über den Begriff der „Pluralität“ bei Hannah Arendt. Wer sich für die Existenzbedienungen einer freien Gesellschaft interessiert, wird am Vortrag Freude haben. Unten habe ich ein paar der Gedankengänge sinngemäß zusammen gefasst.

Pluralität ist ein Akt des sich Zeigens und Unterscheidens. Wer eine oder einer ist, zeigt sich im gemeinsamen Sprechen und Handeln. Sprechen heißt verschieden und verbunden sein. Durch das miteinander Sprechen und Handeln vollzieht sich Pluralität und es entsteht ein Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten; die Interaktion erzeugt Öffentlichkeit.

Dieser Erscheingsraum ist ein anarchischer Raum. Er liegt jenseits von Herrschaft und Kontrolle. Weil das Erscheinen des Selbst nicht kontrolliert werden kann und nicht kontrolliert werden kann, wie jemand an mein Sprechen und Handeln anknüpft oder auch nicht.

Durch die plurale Bezugnahme auf die Welt wird ein Netz von Beziehungen erzeugt, die Gesellschaft. Auch wenn man sich uneinig ist, bezieht man sich auf etwas Gemeinsames. Gleichzeitig gewinnt man die Möglichkeit auf Basis von gemeinsamen Urteilen Freundschaften und Gruppen zu Bilden. Gruppen, die in einem anderen Grund wurzeln, als Verwandtschaft oder bloß am selben Ort geboren worden zu sein. Nämlich in der Freiheit der Entfaltung der eigenen Urteilskraft.

Dies ist der Zweck des ansonsten zweckfreien Raums von Öffentlichkeit. Die Aufrechterhaltung der Pluralität – des freien Urteilens – als Bedingung eines demokratischen Zusammenleben.

Dieses Bezugsgewebe der Öffentlichkeit ist zerbrechlich. Zum einen gerät es unter Druck durch totalitäre Ideologien. Zum anderen fürchtet Arendt in der ökonomisierten Konsumgesellschaft ein inneres Schwinden von Pluralität. Denn nur der vorgesetzte Vollzug vom gemeinsamen Handeln und Sprechen kann politische Öffentlichkeit erzeugen. Die Spähre des Vollzugs ist von der Aktualisierung der Akte abhängig. Öffentlichkeit verschwindet, wenn sie nicht gepflegt wird.

Loidolt hielt den Vortrag „Hannah Arendts Phänomenologie der Pluralität“ auf der Tagung „Politik der Differenz. Ein Symposium anlässlich des 40. Todestages von Hannah Arendt“ (Wien, 11.12.2015). Das Referat dauert ungefähr eine halbe Stunde und kann in der philosophischen Audiothek nachgehört werden.

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