Fahre keine’n nieder

In Wien hat der Nationalrat die Straßenverkehrsordnung heute zum 23. Mal novelliert. Radfahrer’innen müssen künftig auf Autofahrer’innen Rücksicht nehmen, die sich nicht an die Vorrangregel halten wollen. Währendessen scheint der Verkehr in Vietnam nur eine Regel zu kennen: Fahre keine’n nieder!

Hanoi Traffic Hoan Kiem Bild: phs
Kreuzung Hoan Kiem, Hanoi. gif: phs

Wenn es einen Beweis für das Gute im Menschen gibt, dann ist es der vietnamesische Straßenverkehr. Wie von Geisterhand fließen die Fahrräder, Scooter und PKWs vorne in die Kreuzung hinein und hinten wieder hinaus. Das europäische Auge erwartet ständig das große Krachen, bis sich ihm irgendwann der eigentümliche Rhythmus aneinander vorbeigleitender Fahrzeuge erschließt.

In der Praxis gehorcht dieses chaotische Gewebe genau einer Regel: Fahre keine’n nieder!  In Ermangelung an weiteren verlässlichen Vorschriften achten die vietnamesischen Fahrzeuglenker’innen deshalb auf das Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer’innen: Wenn du kannst, so weiche einem Hindernis sachte aus, wenn nicht, so verlangsame deine Fahrt. Im Notfall halte an. Bleibe im Fluß und vermeide ruckartige Bewegungen, um mit deinem Verhalten für andere nicht unvorhersehbar und gefährlich zu werden.

Damit keine falsche Romantik aufkommt: Vietnames’innen fahren in der Regel nicht zuvorkommend, sie versuchen sich wo es geht reinzudrängen. Aber auch hier geben der Klügere und der Schwächere nach. Und im Gegensatz zu Europa konzentrieren sich vietnamesische Fahrer’innen auf den Verkehr und nehmen wahr, was um sie herum passiert. Sie verhalten sich nicht, als wären sie allein auf der Straße.

Novelle: Freibrief zum Durchbrettern

In Österreich hingegen wird Ignoranz gegenüber Schwächeren gesetzlich geregelt. Während Radfahrer’innen seit heute bei Radübergängen auf 10 km/h bremsen müssen, um in den Genuß ihres Vorranges zu kommen, wurde für Autofahrer’innen, die nicht gewillt sind ihren Nachrang einzuhalten, ein Freibrief zum Durchbrettern eingebaut:

Autofahrer’innen sind an sich verpflichtet, so langsam auf den Radübergang zuzufahren, dass sie jederzeit halten können. Wenn das eine’r aber doch mal nicht schafft, dann gib’ts noch folgende Bestimmung: ein Befahren des Radübergangs „unmittelbar vor einem herannahenden Fahrzeug und für dessen Lenker überraschend“, ist nicht erlaubt (Quelle: Wikipedia).

Wird ein’e Radfahrer’in übersehen, so hat er/sie Teilschuld. Denn: wie soll ich wen überfahren, der/die nicht „unmittelbar vor mir“ die Fahrbahn kreuzt?

Hohe Zahl an Verkehrstoten

Man könnte freilich gegen die Theorie vom solidarischen vietnamesischen Verkehr die hohe Zahl an Verkehrstoten einwenden. Jährlich sterben dreizehn Menschen pro 100.000 – in Europa sind es zwischen drei und fünf. Der volkswirtschaftliche Schaden von Verkehrsunfällen beläuft sich hier auf fast drei Prozent des BIP.

Auf einer Konferenz zur Verkehrssicherheit letzte Woche in Hanoi gaben Regierungsvertreter’innen dann auch ein ehrgeiziges Ziel bekannt: Bis 2020 will die Verkehrssicherheits-Agentur die Zahl der Toten um 40 Prozent reduzieren. Ein Vorhaben, das auch Japan in den 70ern in einer Phase mit ähnlich hohem Verkehrswachstum umzusetzen schaffte.

Expert’innen legten eine Studie vor, wonach vor allem Schnellfahren, desolate Fahrzeuge und defekte Fahrbahnen für die hohen Unfallzahlen verantwortlich sind. Für korrekte Vergleiche mit Europa muß man den hohen Anteil an jungen Männern und Motorrädern in Rechung stellen. Hanoi hat 6,5 Millionen Einwohner’innen und 4 Millionen Scooter.

Im Verkehr in Hanoi. Bild: phs
Im Verkehr in Hanoi. Bild: phs

Deshalb rieten die Fachleute auch vor allem zu stärkeren Verkehrs-Kontrollen und höheren Strafen. Doch auch die vietnamesischen Expert’innen haben neue gesetzliche Bestimmungen vorgeschlagen; nämlich eine Registrierung der Fahrzeuge, um dokumentierte Übertretungen auch ahnden zu können.

Blickkontakt

Shared Spaces – Projekte in vielen europäischen Städten belegen darüber hinaus steigende Sicherheit durch die Rücknahme von Vorschriften und Regulierung. Verkehrsregeln können sinnvoll sein, da sie die Schwächeren schützen und den Verkehr berechenbar machen. Allerdings darf die Regelungsdichte nicht dazu führen, dass Verkehrsteilnehmer’innen sich nur noch an abstrakte Regeln halten, anstatt zu schauen und niemanden niederzufahren.

Fahren als Ausländer’in

Wenn ich schon dabei bin, berichte ich auch noch kurz über die Verkehrsteilnahme als Westler’in.

Selbstverständlich kennt die vietnamesische Rechtsordnung auf dem Papier sehr viel mehr an Vorschriften. Seit kurzem gilt die Helmpflicht, immer wieder fischen Verkehrspolizisten Delinquent’innen an den Straßenrand. Auch als Ausländer’in steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man angehalten wird, da immer mehr Polizist’innen Englisch sprechen.

Neben sinnvollen Vorschriften kennt das Law on Traffic auch Skurrilitäten. So benennt etwa Artikel 33 einige Umstände unter denen ein’e Fahrer’in die Geschwindigkeit auf ein „sicheres Ausmaß reduzieren“ muss. Auch eine Hup-Pflicht (Artikel 32) ist festgelegt: Before driving, turning, pausing or stopping, the driver must indicate it by honking. Diese äußerst beliebte Verpflichtung wird von vielen Verkehrsteilnehmer’innen freiwillig auch während der gesamten Fahrt angewandt.

Im Verkehr, Hanoi. Bild: phs
Im Verkehr, Hanoi. Bild: phs

Die meisten Vietnames’innen fahren mit Kleinmotorädern. Das Straßenbild ist derzeit von Honda-Maschinen der Type Dream, Wave oder Air-Blade mit um die 110cc Hubraum dominiert. Vereinzelt sieht man Yamaha, Suzuki oder Piaggio. Auch Ausländer’innen fahren vor allem Scooter. Auffallend viele der jüngeren Expats haben sich eine Honda Cub organisiert, die im Verleih kaum mehr zu kriegen ist.

Mit dem Auto fahren von den Ausländer’innen vor allem Geschäftsleute und Diplomat’innen. Die Fahrzeuge sind durch die Ziffernkombination NG oder NN  auf dem Nummernschild gekennzeichnet. Ein internationaler Führerschein wird nicht anerkannt, den vietnamesischen kann man nur mit einem Visum von mehr als drei Monaten machen.

An sich ist es Ausländer’innen auch nicht gestattet, ohne vietnamesischen Führerschein ein Motorrad mit mehr als 50cc Hubraum zu fahren. Auf Fahren ohne Führerschein stehen bis drei Jahre Haft, bei Unfall mit Todesfolge sogar bis 20 Jahre.

Doch das scheint die meisten Ausländer’innen nicht zu interessieren. Nach der Lektüre einiger Foren bezweifle ich ohnehin, dass sich viele Expats über die Rechtslage im Klaren sind. Es gibt sehr viele Verleihfirmen, auf newhanoian.xemzi.com findet sich für Hanoi eine von User’innen bewertete und kommentierte Übersicht, Rentabikehanoi.com bietet eine gute Einführung zum Thema. Die Preise reichen von 35 bis 150 Dollar pro Monat.

Für längere Ausfahrten bietet sich die Miete eines Chauffeurs samt Auto an. Für 50 Dollar am Tag sind 100 km inkludiert, egal ob man einen Mini-Van für 7 Personen mietet oder einen kleineren Wagen.

Fahrradfahren

Fahrrad fahren hier die Alten, Armen, Schüler’innen und die Ausländer’nnen. Wenn man langsam beginnt, hält sich die Herausforderung durch den Verkehr in Grenzen. Schwieriger ist schon die Kontrolle der Transpiration. Doch auch da hilft langsam fahren.

Auch wenn man sich zu Tode fürchtet, man ist auch als Ungeübte’r relativ sicher, denn die anderen achten auf einem, besonders wenn man westlich aussieht. Allerdings sollte man sich nicht ruckartig bewegen und nicht zögern. Wenn man gleichmässig drauflos zuckelt, dann fließt der restliche Verkehr um einen herum.

Wir haben uns gleich nach unserer Ankunft im Fabriksverkauf ein Fahrrad angeschafft. Das vietnamesische Gefährt vom Type Thong Nhat „Fashion Bike“ kostete in der Neuanschaffung 45 Euro und hat ein Jahr Garantie. Die Kurbel schlägt, das hintere Ventil ist undicht, doch ich bin sehr zufrieden.

"Fashion Bike", vietnamesische Produktion. Bild: phs
„Fashion Bike“, vietnamesische Produktion. Bild: phs

2 Gedanken zu „Fahre keine’n nieder“

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