Die Diskussionskultur der Mutbürger

Was der Mutbürger-Stammtisch der Anneliese Rohrer von den „Chaoten“ des Audimaxismus lernen könnte. Eine teilnehmende Beobachtung im bürgerlichen Revier.

Die Wutbürger. Bisher beobachte ich die Politisierung des bürgerlichen bis konservativen Milieus mit solidarischer und kritischer Distanz. Am Montag besuchte ich den Mutbürger-Stammtisch, eine österreichische Variante der deutschen Wutbürger, initiert von Anneliese Rohrer. Rohrer selbst war entschuldigt, das Burgkino – in dem das Treffen stattfand – fand ich trotzdem ziemlich voll vor. Angekündigter Programmpunkt: Wolfgang Radlegger und Erhard Busek präsentieren ihre Demokratie-Initiative MeinOE.

In den Sitzreihen lauschte überwiegend gut situiertes Publikum jenseits der 40. Vereinzelt saßen auch Jugendliche und Initiativen im Saal; eine EU-Austritts-Gruppe, die Väter-Initiative oder Herta Wessely von der  Aktion21. Eine Abordnung der Piratenpartei besetzte optisch abgesetzt eine halbe Sitzreihe.

Die Ausführungen von Busek und Radlegger dauerten eine dreiviertel Stunde und wurden von Moderator Günter Voigt noch ergänzt, bevor er zu Wortmeldungen aus dem Publikum ermunterte. Der Reihe nach meldeten sich Diskutant/innen mit den unterschiedlichsten Anliegen zu Wort; Pflegerechts-Streitigkeiten, Korruption, Väterrechte oder Abschaffung des Geldes.

Die andern san deppat

Die Diskussion war verheerend. Gemeinsam war den meisten Wortmeldungen, dass die eigene Angelegenheit als einzig relevante hervorgehoben wurde – oft garniert mit einer Abwertung der Vorredner/innen. Auch Busek und Radlegger hatten zuvor nicht mit deftigen Seitenhieben gespart. Das alles erzeugte eine unangenehme Stimmung. Vielfach wurden die Sprecher/innen durch Zwischenrufe unterbrochen und als profilierungssüchtige Selbstdarsteller diskreditiert.

Der Moderator war nicht in der Lage, dem etwas entgegen zu setzten. Weder hatte er Diskussionsregeln transparent gemacht, noch achtete er auf deren Einhaltung. Jene, die gekommen waren, um Busek und Radlegger zu lauschen, waren frustriert ob der vielfältigen Anliegen aus dem Publikum. Jene, die gekommen waren, um ihre Anliegen zu präsentieren und andere zu hören, waren vor den Kopf gestoßen, weil ihr Engagement als Wichtigtuerei abgetan wurde.

Abfällige Bemerkungen des Moderators erhöhten die Aggression im Saal noch weiter: die Piratenpartei machte er als Spaßprojekt herunter, mehrmals versuchte er Wortmeldungen abzubrechen, indem er sie inhaltlich abqualifizierte. Dabei wurde er selbst in kleinere Scharmützel verwickelt. Am Schluß machten sich noch einige Teilnehmer/innen Luft über die mangelnde Diskussionskultur.

Wer einmal einem amerikanischen Town-Hall-Meeting beigwohnt hat, kann angesichts einers solchen Veranstaltung nur den Kopf schütteln. Amerika ist allerdings auch ein Land mit langer demokratischer Tradition.

Autoritätsgläubikgkeit

Rohrer nennt in ihrem lesenswerten Buch Das Ende des Ungehorsams mehrmals die weit verbreitete Autoritätsgläubigkeit als Ursache vieler Probleme in Österreich. Dieser Befund bestätigte sich an diesem Abend in Form eines graviernden Mangels an Diskussionskultur.

Wo nämlich das Zusammenwirken vieler nicht durch eine Autorität gewährleistet werden soll, der sich alle bedinungslos unterwerfen, dort sind explizite Regeln und Verfahren erforderlich. Zum Beispiel müßte von Beginn an klar gemacht werden, welche Statements in welcher Form aus dem Publikum erwünscht sind und welche nicht.

Damit diese Regeln Zustimmung finden, müssen sie für alle gleichermassen gelten und ihre Einhaltung von einer Moderation durchgesetzt werden. Dabei dürfte als bekannt vorausgesetzt werden, dass die Anerkennung der Moderation auch davon abhängen kann, wie sehr sie sich mit eigenen Beiträgen zurückhält.

Mich hat doch etwas verstört, auf welchem Niveau der Mutbürger-Stammtisch diesbezüblich stattfand. Nicht nur, dass der Moderator offensichtlich kaum Verständnis für seine Rolle mitbrachte; auch das zunehmend unzufriedenere Publikum machte lieber dem eigenen Ärger Luft, als eine geeignete Moderation(technik) einzufordern.

Die „Chaoten“ vom Audimax

Diese fehlende Diskussionskultur ist umso bermerkenswerter,  als etwa die Audimaxist/innen – viele Mutbürger würden sie wohl als Chaoten bezeichnen – eine erstaunliche Diskussionskultur an den Tag gelegt hatten. Und da spreche ich noch gar nicht von für mich selbstverständlichen Anliegen, die viele Mutbürger vielleicht gar nicht teilen – wie dem Anspruch, männliche Sprechdominanz einzudämmen. Nein, die Diskussionkultur der Audimaxist/innen war um Jahrhunderte zivilisierter als die des Mutbürger-Stammtisches.

Die jungen Erwachsenen im Audimax hatten Verfahren eingeübt, die im vollbesetzten Audimax eine leidliche Diskussion ermöglichte. Immerhin faßt dieser größte Vorlesungssaal der Uni-Wien mehr als 800 Menschen. Natürlich verliefen nicht immer alle Diskussionen zur Zufriedenheit aller. Auch unter den Audimaxist/innen machte sich oft genug Frustration breit.

Allerdings auf einem ganz anderen Niveau. Die Diskussionsregeln, die sich die Studierenden gegeben hatten, waren ausreichend elaboriert, um Sprengversuche der Veranstaltung durch erfahrene Politgruppen abzuwenden, die Tagesordnung festzulegen und sogar über die Diskussionregeln selbst immer wieder Konsens herzustellen.

Der Mutbürger-Stammtisch könnte sehr vom Know-How der Audimaxist/innen profitieren. Trotz politischer Differenzen halte ich ihn für eine gute Sache, weil die Politisierung von Bürger/innen der Demokratie als ganzes nützt. Deshalb fände ich es wichtig, rasch auf das Manko mangelnder Gesprächskultur zu reagieren. Es wäre eine vertane Chance, wenn die Mutbürger ihre Lust auf Engagement bald wieder verlieren. Ich bin sicher, es finden sich ein paar Audimaxist/innen, die gerne helfen.

Edit: (14.10.2011) Ich möchte die Latte ja nicht zu hoch legen, aber das kursiert gerade im Netz …

 

6 Gedanken zu „Die Diskussionskultur der Mutbürger“

  1. In Österreich da hat die Aufklärung nie eine breite Basis gehabt daher gibt es auch kein echtes Bürgertum das diese Bezeichnung auch wirklich verdient. Ein kritisches Bürgertum wäre aber notwendiger denn je. Insoferne können wir dem Projekt „Mutbürger“ nur alles gute wünschen und im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten unterstützen. Politik (im Sinne Hannah Ahrendts „Vita Activa“) heißt ja, dass im öffentlichen Raum die Menschen aus den verschiedenen Lebensbereichen und politischen Lagern die Sorge um das gemeinsame Zusammenleben herrschaftsfrei aushandeln. Leider haben wir noch viele politische Analphabeten, darum lasst uns mit der Aufklärung beginnen bevor wir andere vorschnell verurteilen …

  2. Warum arbeiten die MutbürgerInnen nicht mit entsprechenden Methodologien – wie world café oder open space? Da könnte jeder sein Anliegen einbringen und diskutieren, Gesprächsregeln gibts auch, und am Ende kommt sogar etwas dabei heraus…

    es wäre gut und wichtig, den „Mut“ in konstruktive Veränderung zu kanalisieren!

    Waltraud Heller

  3. radlegg und busslek wurden eben zweng hofiert, der moderator – der abwürger von soho.
    das volksbegehren – eine schrottkiste, ohne auswirkung.
    die herrschende wut – wird erstickt
    korruptionsfälle – unschuld aller bis nimmerleinstag
    politische änderung – nie und nimmer, wir sind alle zusammen eben bequeme, satte, faule, autoritätshörige, feige arme seelen
    dafür dürf ma in die kapuzinergruft.
    ich wünsche den zusammenbruch des polit. pyramidenkapitalismus-systems, ich wünsche mir klirrende scheiben, rigorose verhaftungen, austausch der köpfe, ja richtig “ i hv a dream“. lach mich ja eh selbst aus

  4. Ich war selbst auch beim Treffen und kann die Beobachtungen des Blogschreibers bestätigen. Aber: man muss dass schon ein bisserl relativieren und die Umstände, mit denen dieser Stammtisch konfrontiert ist, mit berücksichtigen. Da muss man wissen, dass die Besucher ja keiner gemeinsamen Bewegung oder keiner gemeinsamen Ideologie oder auch nur Idee angehören, sondern nur eines gemeinsam haben: sie sind empört, aufgeregt, angefressen, wütend. Und das aus vielen unterschiedlichen Gründen. Die gehen von rein persönlichen Anliegen und Problemen bis zu durchdachten, politischen und allgemeinen Anliegen. Und von den mehr als 200 Besuchern wollten halt so viele Leute als möglich ihre Probleme artikulieren. Und es ist verständlich, dass jedem sein eigenes Problem näher ist, als das des Nachbarn. Das zur Ausgangslage. Ich denke, dass dieser Abend wichtig war. Wichtig, um die Erfahrungen zu machen die gemacht wurden. Wichtig, weil BürgerInnen die Gelegenheit hatten, ihr Problem darzustellen und nach Gleichgesinnten zu suchen. Und wichtig, da dieser Abend der Startschuss zu einer wirklich gemeinsamen Bewegung sein könnte.
    Ich sage könnte, denn wie sich der Stammtisch weiter entwickelt kann man nicht vorher sehen. WAS man aber tun kann ist, beim nächsten Stammtisch das leichte Chaos dieses Stammtisches zum Anlass nehmen um Regeln einzuführen. Ich denke, jeder der beim ersten Stammtisch im Burg Kino dabei war, wird jetzt Regeln gerne zustimmen.
    Und dann kann man daran gehen, eine gemeinsame Klammer für all die verschiedenen Interessen zu finden und damit alle Besucher des Stammtisches hinter diese Klammer zu bringen. Damit hat diese derzeit noch chaotische Gruppe die Chance, zu einer wirklichen Bewegung zu werden, die vielleicht doch was verändern kann. Denn eines ist unbestritten. JEDER der dort anwesenden wollte Veränderung. JEDER der Anwesenden ist zumindest hingegangen und hat damit gezeigt, dass er bereit ist, seinen Hintern vom Sofa zu erheben und sich zu bewegen. Und von diesen BürgerInnen brauchen wir mehr. Wir brauchen Bewegung in der Gesellschaft, denn nur dann wird es auch Veränderungen geben können. Deshalb habe ich große Hoffnung für den nächsten Stammtisch.

    Robert Sabitzer

  5. Ich habe so eine Veranstaltung in ganz anderem Zusammenhang auch schon miterlebt und wie die Stimmung dann kippte.
    In dieser Beschreibung lese ich viele Ähnlichkeiten heraus und meiner Meinung nach liegt das Problem neben den vielen genannten auch im Neid und fehlenden Eingeständnissen.
    Neid, dass man selbst nicht auf der Bühne sitzt und „g’scheit reden“ darf und das fehlende Eingeständnis, dass man aus gutem Grund nicht auf dem Podium sitzt.
    Diese zwei Dinge erzeugen oft schlechte Stimmung und Hickhack zwischen „unten“ und „oben“.
    Lösung habe ich leider keine parat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.