Das Vermächtnis der Frau Bock

Wer sich zu den Aus­ge­grenz­ten stellt wird selbst ange­grif­fen. Aber mit der Soli­da­ri­tät vie­ler holen wir die Aus­ge­grenz­ten in die Mit­te zurück. Bei­trag für mo — Maga­zin für Men­schen­rech­te #50 von SOS Mit­mensch.

Ute Bock fotografiert für SOS Mitmensch von Isabell Bickel am 18. Mai 20013.
Ute Bock im Büro von SOS Mitmensch. Fotografiert von Isabell Bickel am 18. Mai 2003 für "Bock auf Bier". Bild: CC-BY Isabell Bickel/SOS Mitmensch

Ute Bock ist gestor­ben. Am Ende zeig­te sich die Aner­ken­nung noch ein­mal in ihrer gan­zen Wucht. Zum Lich­ter­meer am Hel­den­platz kamen Tau­sen­de, denen Bock etwas bedeu­tet hat­te. Zwei Bun­des­prä­si­den­ten, der Bür­ger­meis­ter, die Par­tei­spit­zen und das UN-Hoch­kom­mis­sa­ri­at mel­de­ten sich zu Wort. Die Stadt Wien bot ein Ehren­grab an. Sogar der Kanz­ler hat sei­nen Respekt get­wit­tert. Frau Bock hät­te den amt­li­chen Zuspruch klamm­heim­lich genos­sen und ihre Genug­tu­ung mit ein paar spöt­ti­schen Bemer­kun­gen kaschiert.

Man muss sich in Erin­ne­rung rufen, Frau Bock war in die­ser Stadt eine Paria gewe­sen. Als die noch völ­lig unbe­kann­te Erzie­he­rin im Jahr 1999 bei einer Vor­stands­sit­zung von SOS Mit­mensch vor­stel­lig wur­de, hat­te die Poli­zei in ihrem Gesel­len­heim gera­de ein hal­bes Kilo Koka­in und Hero­in sicher­ge­stellt.  Gegen Bock wur­de wegen Dro­gen­han­dels und Ban­den­bil­dung ermit­telt, die Stadt Wien hat­te die Heim­lei­te­rin dienst­frei gestellt und ein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet. Bock hat­te zu die­ser Zeit nicht mehr vie­le Für­spre­che­rIn­nen.

Wer sich zu den Ausgegrenzten stellt, wird selbst angegriffen

Der Sus­pen­die­rung war eine kon­ti­nu­ier­li­che Zer­rüt­tung mit ihren Vor­ge­setz­ten vor­an­ge­gan­gen. Bock hat­te stand­haft die Wei­sun­gen igno­riert, unter­stands­lo­se Schwar­ze abzu­wei­sen. Flüs­ter­pro­pa­gan­da zeich­ne­te die Gefal­le­ne als unzu­ver­läs­si­ge Per­son, die auf sozi­al­ar­bei­te­ri­sche Qua­li­täts­stan­dards pfei­fe. Wer sich zu den Aus­ge­grenz­ten stellt, wird selbst aus­ge­grenzt. Das ist der ers­te Satz aus dem Ver­mächt­nis der Frau Bock.

Die Solidarität vieler holt die Ausgegrenzten in die Mitte zurück

SOS Mit­mensch stif­te­te den Ute-Bock Preis. Noch im sel­ben Jahr wur­de er der Namens­ge­be­rin mit Hil­fe der Grü­nen im Wie­ner Rat­haus ver­lie­hen. Dann bau­ten wir in unse­rem Gas­sen­lo­kal einen Ver­ein und Infra­struk­tur für Frau Bock auf. Die Soli­da­ri­täts­ak­tio­nen „Bock auf Bier“ und „Bock auf Kul­tur“ spiel­ten 300.000 Euro ein. Der Rest ist Geschich­te. Frau Bock erlang­te Kult­sta­tus und 2005 bezog ihr neu­er Ver­ein eige­ne Räum­lich­kei­ten. Zahl­rei­che Initia­ti­ven folg­ten. Zu die­ser Zeit konn­te auch die „Ope­ra­ti­on Spring“ öffent­lich auf­ge­ar­bei­tet und Frau Bock voll reha­bi­li­tiert wer­den. [1]  Soli­da­ri­sches Han­deln der Vie­len holt die Aus­ge­grenz­ten in die Mit­te zurück. Das ist der zwei­te Satz aus dem Ver­mächt­nis der Frau Bock.

Mit Humor und Selbstliebe gelingt die Gratwanderung zwischen Engagement und Aufopferung

Die stu­re Mensch­lich­keit der Frau Bock gibt uns Halt und Ori­en­tie­rung. Bock sah im Gegen­über zunächst vor­be­halt­los ein gleich­ar­ti­ges Wesen. Das berührt uns tief, weil uns unse­re Sehn­sucht nach die­sem Ide­al im eige­nen All­tag lau­fend mit dem Schei­tern kon­fron­tiert. Ihre gera­de­zu uner­bitt­li­che Hilfs­be­reit­schaft war aber immer auch zwie­späl­tig. Frau Bock hat sehr viel gelit­ten. Zwar war sie die Meis­te­rin der scher­zen­den Auf­rich­tung, doch für ihren eige­nen Schlaf hat der Opti­mis­mus nicht immer gereicht. Mit Humor und Selbst­lie­be bewäl­ti­gen wir die Grat­wan­de­rung zwi­schen Enga­ge­ment und Auf­op­fe­rung. Das ist trotz allem der drit­te Satz aus dem Ver­mächt­nis von Frau Bock.

Die­ser Bei­trag erscheint in mo — Maga­zin für Men­schen­rech­te von SOS Mit­mensch.

Fuss­no­ten
  1. Hier müs­sen ein paar Men­schen erwähnt wer­den, die bei der Reha­bi­li­tie­rung von Frau Bock eine ent­schei­den­de Rol­le gespielt haben: Max Koch, Georg Diemitz, Susan­ne Jeru­sa­lem, Nad­ja Lorenz, Edgar Göge­le (Ute-Bock Preis und Dock-Gas­sen­lo­kal für Frau Bock), Nina Hor­ac­zek, Jür­gen Sto­was­ser, Lea Friess­ner, Klaus Wer­ner-Lobo, Isa­bell Bickel, Feli­ci­tas Kru­se, Andre­as Friesz (Bock auf Bier, Bock auf Kul­tur), Ange­li­ka Schus­ter, Tris­tan Sin­del­gru­ber (Ope­ra­ti­on Spring) und alle Mit­ar­bei­te­rIn­nen des Ver­ein Ute Bock []

Ein Gedanke zu „Das Vermächtnis der Frau Bock“

  1. Das dach­te ich mir schon dass erst wenn sie tot ist die “Tritt­brett­fah­rer” auf­sprin­gen 😕sie war eine “Unbequeme”.…..Ruhe in Frie­den .…auf der Welt gibt es ihn ja nicht.

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