Das Gute 2015

Was mir 2015 gut getan hat. Türkische Schlager, Lob und das Ende territorialer Herrschaft. Ein ganz schön persönlicher Jahresrückblick.

Ma Pi Leng Pass in Ha Giang, Vietnam
Der Ma Pi Leng Pass in Ha Giang, Vietnam (2015) BY 2.0 phs

1) Mit dem Moped im Norden Vietnams herumkurven

Die ideale Art zu reisen. Nicht mehr als 50 km pro Tag. Nach vier Stunden Fahrt durch bizarre Bergformationen einen kleinen Ort erkunden und mit den Leuten reden. Am nächsten Morgen geht es weiter. Im Clip: Zwei hoppeln durch Ha Giang, eine Provinz an der Grenze zu China. Mit Ausrollen in Hanoi.

Fotos von der Reise gibts auf meinem Flickr-Account.

2) Fast täglich Laufen (Es begann mit einem Spaziergang)

Am Anfang stand ein Spaziergang im Mai. Dann noch einer und noch einer. Meistens gleich nach dem Frühstück. Schwierig war nur das frühe Aufstehen bei Vormittagsterminen. Seit November laufe ich nun. Fünf  bis sechs mal die Woche. Der Übergang war mühelos, weil plötzlich genug Puste da war. Der entscheidende Tipp kam von Corinna Milborn.

Zahnseide: Corinna Milborn verschenkt eine Lebensweisheit. Immer nur ein Zahn.

Und hier noch meine Lauf-Musik:

3) Gutes lesen

Wie kann eines der interessantesten Bücher des Jahres mit einer solchen Hirnwichserei an Einleitung beginnen? Egal. Gehört das Zeitalter der territorialen Herrschaft der Vergangenheit an, fragt der Sammelband. Mit vielen interessanten und überraschenden Perspektiven zu Grenze, Herrschaft und Raum. Postsouveräne Territorialität – Die Europäische Union und ihr Raum von Ulrike Jureit/Nikola Tietze, 2015.

Gerne gelesen habe ich auch: Ist der Kapitalismus am Ende? PostCapitalism A Guide to our Future, Paul Mason, 2015. Die politische Geschichte der Entstehung und Entwicklung der Menschenrechte: Human Rights at the UN, Roger Normand and Sarah Zaidi, 2008. Unter welchen Bedingungen gelingt Urbanisierung? Oder: Abendlicher Trost angesichts der heimischen „Integrationsdebatte“von Doug Sanders in Arrival Citys, 2012. Mein Buch des Jahres: Macht und Gegenmacht im Globalen Zeitalter, Ulrich Beck, 2002. Heuer versehentlich angeschafft, obwohl seit zehn Jahren ungelesen im Regal. Kann die Zivilgesellschaft den Globalisierungsvorsprung der Wirtschaft aufholen?

In Zeitschriften: Das Ende der Verwöhntheit – Der Beitrag des Jahres handelt von den Fluchtbewegungen. Man Drift – Der Economist erklärt den Aufstieg rechter Parteien mit der Bedrohung der männlichen Vormachtstellung. What ISIS really wants – The Atlantic.  Wir-Versuche – Edith Meinhart im Profil über das brandgefährliche Konzept der Identität. Herbst der Kanzlerin – Eine minutiöse Darstellung der Ereignisse dieses Sommers in der Welt, als Abgesang auf Merkel freilich übereilt. Und Think Progress: Einzig Roland Barthes kann das Donald Trump Phänomen erklären: Ein Catcher unter Boxern.

4) Erwachsen werden

Eigentlich bin ich schon länger erwachsen. Schon seit letztem Jahr. Für mich heißt erwachsen sein: Niemand anders ist für mein Leben verantwortlich, als ich selbst. Der Empfang dieser genialen Erkenntnis bahnte sich in einer Aufstellung an. Ich war nur Nebendarsteller, es ging nicht um mich. Wegen aufkommender Unruhe in einer sehr emotionalen Situation bat ich den Aufstellungsleiter mich bewegen zu dürfen. Er war auf das Geschehen konzentriert und presste nur ein beiläufiges „Klar, ist ja dein Leben“ heraus. Ein Treffer. Heute weiss ich immer noch nicht ununterbrochen, was ich will – aber immerhin ist mir klar, wer mein Leben lebt.

Wenn man gerade erwachsen (und ja, Vater) wird, kommt diese Dokumention gerade richtig. Heuer im Frühjahr erschien My Own Man von David Sampliner auf Netflix. Allerwärmste Empfehlung.

5) Türkische Schlager hören

Wie passt soviel Wehmut in ein Lied? Da stolpert sogar das Saz-Solo.

6) Aufeinander aufpassen

Die Krise ist 2015 auch in mein gesellschaftliches Umfeld merkbar eingedrungen. Die Gegensätze werden deutlicher, die Räume enger und der Ton rauher. Viele Menschen, die ich mag, struggeln mit dem zunehmenden Druck. Ich habe mir deshalb vorgenommen, aufmerksamer mit anderen Menschen umzugehen und zwischendurch einfach mal was Nettes zu sagen. Auch ohne Anlauf. Für Wolf ist das ein schneller Re-Tweet, für mich hat es die Wirkung eines Journalisten-Preises.

7) Film

Drama des Jahres: Leviathan von Andrey Zvyagintsev. Wenn der Staat dem Menschen zum Wolf wird. Haus weg, Familie zerbricht – weil der korrupte Bürgermeister den Bauplatz für ein Hotelprojekt will.

Staffel zwei von Fargo (Netflix). What can possibly go wrong? Bewährt durchlüftete Erzählweise der Cohen-Brüder.

Show me a hero (HBO Mini Series): Die 80er. Nick Wasicsko wird mit einer Kampagne gegen (schwarze) Projects überraschend zum Bürgermeister von Yonkers gewählt. Doch der zuständige Richter will die Umsetzung. Von David Simon (The Wire).

8) Eine schöne Arbeit tun

Mein Lieblingsprojekt, heuer. Schon 2014 habe ich bei der ErVolkshilfe-Tour Gruppendiskussionen mit MitarbeiterInnen der Volkshilfe durchgeführt. Um den neuen Markenkern nach innen zu stärken, suchten und verbreiteten wir Geschichten, die ihn mit Leben erfüllen. Heuer entstand dann noch diese Broschüre der Tagesmütter der Volkshilfe Steiermark. Das ganze hat sehr viel Spaß gemacht, das Konzept ist aufgegangen. Die Leute freuen sich über die Wertschätzung ihrer Arbeit und so bin ich vielen sehr sympathischen Menschen begegnet.

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